25.06.2010 · Eigentlich kann man Lieder mit dem Titel „9/11“ nicht mehr hören - es sei denn, sie werden von einer Band wie Delta Spirit gesungen. Die Kalifornier sind die letzten Hoffnungsträger des Folkrock und legen nun, nach ihrem Debüt vor einem Jahr, ihre zweite Platte vor.
Von Edo ReentsEin Jahr ist es her, da hieß es an dieser Stelle: „Wie man hört, arbeiten die Musiker schon am nächsten Album.“ (Siehe auch: CD der Woche: „Ode to Sunshine“ von Delta Spirit.) Man hatte richtig gehört: Delta Spirit legen bereits in der kommenden Woche ihre zweite Platte vor. Das ist bemerkenswert, zumal ein gelungenes Debüt sich normalerweise eher produktionshemmend auswirkt - sei es nun einfach aus Selbstzufriedenheit und dem Bedürfnis, sich nach Sex&drugs&rock'n'roll-Art auf den Lorbeeren erst einmal auszuruhen; sei es vor lauter Angst, den Erwartungen nicht mehr gerecht zu werden. Ein Schnellschuss ist es in diesem Fall jedoch nicht, weil Delta Spirits Platte, bis sie auf den Markt fand und endlich auch in Europa veröffentlicht wurde, eine ganze Zeit brauchte, in der ja keine neuen Lieder geschrieben werden. Die Band hatte dann vollauf damit zu tun, ihren Geniestreich auf endlosen Tourneen auszukosten.
Um das schwierige zweite Album handelt es sich trotzdem; aber, so würden die Fußballer sagen, wenn du einen Lauf hast, ist alles möglich. Die Seelenverwandten von Hobotalk und den Turin Brakes waren damals, nach ihren Platten „Beauty In Madness“ beziehungsweise „The Optimist LP“, gewissermaßen in der zweiten Runde ausgeschieden - zwei mehr als verheißungsvolle Starts, denen dann doch erheblich schwächere (ängstlich-verkrampfte?) Leistungen folgten, die am Ruf und vermutlich auch am Selbstbewusstsein dieser Hoffnungsträger des neueren Folkrock kratzten. Indessen fehlte ihnen das Draufgängerisch-Spielfreudige, das ihre kalifornischen Kollegen von Anfang an zeigten.
Selbst der falsche Wochentag wird da verzeihlich
Dass Delta Spirit auch beim zweiten Mal vieles richtig machen würden, war zu erwarten; die Magie ihrer Musik, die auf „Ode To Sunshine“ wohl jeden in die Knie zwang, der sich diesem Album auch nur auf Hörweite näherte, konnte sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst haben. „History From Below“ ist, wieder auf dem guten, alten Rounder-Records-Label herausgebracht, eine Platte, die die Erwartungen bestätigt, aber nicht übertrifft, was allerdings auch gar nicht möglich gewesen wäre. Die Melodien sind nicht so zwingend wie ehedem, die Lieder wirken nicht mehr so frisch und unschuldig, hier und da schleichen sich Reprisen ein. Aber der Klang, eine Imitation des sensiblen Früh-Siebziger-Rock mit garagenhaften Untertönen, ist gleich geblieben, obwohl der Gitarrist Sean Walker von Bord gegangen ist.
Das verbliebene Quartett legt ausgesprochen munter los mit „9/11“. Eigentlich kann man solche Titel schon lange nicht mehr hören; wie hier aber der wunderbare Sänger Matthew Vasquez den an sich ja noch nicht originellen Frühaufsteher-Blues verwandelt in ein mit unschlagbaren, abermals an die Kinks erinnernden Gitarrenriffs unterlegtes Bekenntnis allgemeiner, gleichsam achselzuckender Sinnlosigkeit, die schon mit dem Börsensturz 1929 ihren Lauf genommen habe - das hat Format und Chuzpe, da verzeiht man dem Lyriker auch den falschen Wochentag, der kein black tuesday war.
Sprengkraft ohne Destruktivität
Der „Bushwick Blues“ setzt das anfängliche Vorwärtsdrängen fort, ein schneller, fiebriger Song, der dann von den knapp sechs Minuten von „Salt in the Wound“ ausgebremst wird, ruhigste Folkinnerlichkeit, die sich zu fast zu pathetischen Momenten aufschwingt, bevor dann „White Table“ die alte Vorliebe für den Mitt-Sechziger-Beat ausspielt, die schon auf der Vorgängerplatte für manche Überraschung gesorgt hat. Die gibt es hier nicht eigentlich mehr; es sei denn, man will die Mariachi-Trompete auf „St. Francis“ als solche bewerten. Das interessanteste Lied ist wohl das insistierend hämmernde „Golden State“, das schönste sicherlich „Vivian“, eine getragene, zu Herzen gehende Liebesklage, wie man sie sonst nur von den absolut Waidwunden des Folk kennt: „Sleep oh sleep my Vivian / Heaven is too cold without you“.
Es fällt auf, dass das Saloonklavier, das auf dem Debüt den Ton angibt, hier etwas gedrosselt ist und der reine Akustikfolk nun stärker zur Geltung kommt, wie man an der abschließenden, achtminütigen „Ballad of Vitality“ hört, die es an epischer Wucht durchaus mit Neil Youngs Übersongs „Ambulance Blues“ und „The Thrasher“ aufnehmen kann. Von Vitalitätsverlust kann hier jedenfalls keine Rede sein. Wie kaum eine andere Band vermögen es Delta Spirit, sich der Errungenschaften des klassischen Folkrock zu bedienen und dessen Rahmen bisweilen kühn zu sprengen, ohne dabei im mindesten destruktiv zu wirken.
Es war doch ein.....
Sebastian Mende (lunde)
- 25.06.2010, 18:53 Uhr