16.12.2011 · Wer ihn hört, sieht ihn auch: David Lynch macht mit 65 seine erste eigene Platte - ein Werk voll tückischer Idyllen, für die man keine Kinokarte braucht.
Von Daniel GrinstedSchon beim ersten Lied hat man Bilder im Kopf: eine gelbe Fahrbahnmarkierung im flackernden Scheinwerferlicht, und zwar nachts, irgendwo in der Wüste von Nevada. „Please pinky watch the road“, singt Gastmusikerin Karen O von den Yeah Yeah Yeahs mit fiebriger Stimme. Trommeln und Surf-Gitarren treiben den Song voran. Diese Autofahrt wird kein gutes Ende nehmen. Man denkt an die Schlussszene von „Lost Highway“: Fred Madison flieht vor der Polizei, dann verschwindet er schreiend in eine andere Dimension.
David Lynchs Filme sind surreal, brutal, mysteriös, bevölkert von merkwürdigen Figuren, die oft nicht wissen, ob sie wachen oder träumen, dazu durchwirkt von einer grotesken Fünfziger-Jahre-Nostalgie. Ob „Twin Peaks“, „Mulholland Drive“ oder „Blue Velvet“ - hinter Samtvorhängen und Gartenzäunen lauert bei Lynch stets der böse Zwillingsbruder des American Dream. Aber Filme allein haben dem Mann aus Montana noch nie genügt. Daneben zeichnet er Comics, verkauft eigenen Kaffee und entwirft Möbel, meditiert für den Weltfrieden, erschafft Skulpturen, die zuweilen aus lebendigen Ameisen oder verfaultem Fleisch bestehen. Seit ein paar Wochen ist er Inhaber des unterirdischen Nachtklubs „Silencio“ im zweiten Pariser Arrondissement. Jeder, der „Mulholland Drive“ gesehen hat, ahnt, was ihn dort erwartet.
Nun also Musik. Auch wenn er im Laufe seiner Karriere an vielen Alben und Soundtracks beteiligt war - es ist selten, dass jemand mit fünfundsechzig Jahren sein Debüt herausbringt; erst recht, wenn dieser sich als Nichtmusiker bezeichnet und behauptet, dass er seine eigene Stimme nicht ausstehen kann. Mit dem Gitarrespielen hat er erst angefangen, als er schon Mitte fünfzig war. Aber Lynch hat seine eigene Herangehensweise. Sich auf seine Intuition verlassend, ließ er die Stücke in Jamsessions mit seinem Toningenieur Dean Hurley wie von Geisterhand entstehen, zu zweit im eigenen Aufnahmestudio, hoch oben in den Hollywood Hills. Inspiration war das Blues-Wunderkind Gary Clark jr. und Experimentierfreude das Leitprinzip.
Herausgekommen ist eine seltsame Mischung aus modernem Blues und Synthesizer-Pop. Das schöne „Good Day Today“ könnte man ohne weiteres für ein Stück von Underworld halten, elektronische Beats, manchmal unterbrochen von Maschinengewehrsalven. Über den Synthesizern die hohe, nasale Stimme von Lynch, verfremdet durch eine Talkbox. „Send me an angel, save me“, krächzt er. Meistens klingt er wie Neil Young mit einer schweren Rachenentzündung.
Songs, die neben Gesang oft nur aus Gitarren und Schlagzeug bestehen, wechseln sich ab mit Downbeat und Trip-Hop. „Noah’s Ark“ klingt kühl-industriell, ein programmierter Bass ist Herzschlag. Lynchs Flüstern ist durch Scratching unheilvoll geloopt. „It’s the song of love“, singt er, doch es wirkt wie das Gegenteil.
In einem Stück hört es sich an, als hätte er ein großes Stück Kautabak im Mund. Mit viel Sustain und Twang schlingert seine E-Gitarre durch den Song, die Hand immer nah am Tremolo und den Fuß auf dem Effektgerät. Deutlich hört man seine Liebe zum Rock’n’Roll eines Duane Eddy. Vor dem inneren Auge tauchen die bewaldeten Berge von „Twin Peaks“ auf, wo Verrat und Eifersucht herrschen. Bei „I Know“ quietschen die Bremsen eines Zuges, die Hammond-Orgel jammert. Ein Psychopath reißt Beth Gibbons (von Portishead) das Mikrofon aus der Hand und quäkt seine Tiraden ins verstörte Publikum. In der Mitte des Albums beschenkt uns Lynch mit einem knapp achtminütigen Monolog über den Zusammenhang zwischen Mundhygiene und emotionaler Gesundheit. Durch den Vocoder klingt er wie ein Roboter.
Slide-Gitarren und Polizeisirenen, Pop und Italowestern: Was eigentlich nicht zusammenpasst, fügt Lynch nahtlos ein in sein Universum, das nach eigenen Gesetzen funktioniert. Belohnt wird nur, wer sich darauf einzulassen vermag. Das Titelstück „Crazy Clown Time“ ist eine bierselige Party, die Tom Waits und Helge Schneider in einem Sägewerk feiern, wo Laura Palmer einen Porno synchronisiert. Es folgen Stalker in Pinienwäldern und Stehbluestänzer auf dem Abschlussball, mit einem durchgeknallten Roy-Orbison-Imitator auf der Bühne. Schließlich singt Lynch zum Omnichord von gebrochenem Herzen, bevor er alles in idyllische Klänge hüllt. Aber darauf fallen wir ja schon lange nicht mehr herein.