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CD der Woche Beim Betrachten meiner Schuhe

11.09.2009 ·  In den achtziger Jahren nannte man sie „shoegazer“: Leute, die beim Machen oder Hören von lauter Musik auf ihre Füße starren. The Big Pink liefert für dieses merkwürdige Verhalten jetzt wieder gute Gründe.

Von Eric Pfeil
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Die kreative Benennung popmusikalischer Subgenres ist in der Regel nicht den Musikern, sondern eher den Musikjournalisten in die Schuhe zu schieben. Als in den mittleren Achtzigern zunehmend Bands auftauchten, die ihren schönen Krach mit so vielen am Boden liegenden Gitarreneffektpedalen zelebrierten, dass gar nicht daran zu denken war, auch nur kurz den Blick von all den Geräten abzuwenden, sprachen britische Journalisten bald von „Shoegazern“ („Schuhstarrern“), und eine neue Pop-Spielart hatte ihren Namen.

In den Neunzigern verebbte der dröhnende Gitarrenpop-Boom. Aber nun ist es tatsächlich soweit: Das Shoegazer-Revival ist da! Also, liebe Freunde der Popmusik, verschenken Sie Ihre grünen Röhrenhosen an Ihre Eltern und bringen Sie die quietschigen Wave-Klamotten schnell zum großen Altkleiderfeuer in Berlin-Mitte. Die Zeit der munteren Zappeligkeit, des Früh-Achtziger-verliebten Retro-Wave-Pop ist vorbei, künftig wird wieder mürrisch dreingeblickt, mit Sonnenbrille und Lederjacke im Trockeneisnebel herumgestanden, mit dem Rücken zum Publikum Feedback erzeugt und stundenlang auf Gitarreneffektgeräte gestarrt!

Wie das bei gutem Pop nun mal so ist

Namhafte Pop-Prognostiker haben die Rückkehr der so stoischen wie kunterbunten Wall-of-Noise-Musik schon seit längerem vorhergesagt. Und plötzlich spielen My Bloody Valentine, die Götter des Genres, tatsächlich wieder Konzerte, auf denen die hohe Kunst des Herumstehens bei ohrenbetäubender Soundmatscherei vorgeführt wird, und bei so unterschiedlichen Bands wie Glasvegas, The Pains Of Being Pure At Heart oder Asobi Seksu sind mehr oder minder starke Bezüge auf das Schöngedröhne auszumachen.

CD der Woche: „A Brief History Of Love“ von The Big Pink

Die vermutlich ersten Stars des anstehenden Booms aber sind The Big Pink, die mit deutlichem Willen zur Kommerzialität zu Werke gehen. Dennoch: So konsequent, wie das Londoner Duo, gegen das Pete Doherty beinahe wie ein Wellness-Berater aussieht, hat sich jedoch noch niemand an der Wiederbelebung der Schuhbetrachtungsmusik versucht. Alles ist auf dem Debüt „A Brief History Of Love“ (4AD/Indigo) da, wenngleich modernisiert: stoisches Trommeln, unendlich weite Hallräume, rasselnde Schellenkränze, narkotisierte Stimmen, müde Melodien, vor allem aber die zwingend notwendigen ineinander verlaufenden Gitarrenschlieren, die einmal klingen wie weinende Delphine, dann wieder wie ein im Aquarium versenktes Orchester.

Höhepunkt ist gleich der Auftaktsong „Crystal Visions“ - es dröhnt und bollert wie bei einer High-End-Variante von Velvet Underground, aber die Melodie ist bunt und blumig. Das war schließlich schon bei den frühen Bands die wesentliche Leistung: das Zusammendenken von New Yorker Düsternis und Westcoast-Farbenpracht aus britischer Perspektive. Ganz so toll wie im ersten Song wird es dann leider nicht mehr, aber zum Glück haben The Big Pink fast immer eine gute Melodie zur Hand, die all das Getöse rechtfertigt. „Dominos“ hat einen bollerigen Drumloop und die Refrainzeile „These girls fall like dominos“, der Song „Velvet“ kombiniert niedliche Melodik mit majestätischem Dröhnen. Man kann das alles gestrig finden. Aber guter Pop geht ja oft nach hinten los.

The Big Pink, A Brief History Of Love. 4AD 2916 (Indigo)

Quelle: F.A.Z.
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