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CD der Woche: Arcade Fire Die Vorstadt-Hippiekinder

30.07.2010 ·  Die von sich selbst berauschte Pompösität des zweiten Albums war für viele schwer zu ertragen. Doch die kanadische Band Arcade Fire ließ sich nicht beirren und legt eine neue Platte mit Folkpop und Disco vor, die zeigt, wie ernst man bleiben muss, um sich seine Unschuld zu bewahren.

Von Eric Pfeil
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Vom ersten Ton an war das Thema von Arcade Fire die Kindheit, deren Schrecken und Unschuld. Und vor allem Letztere besangen sie im vergangenen Jahrzehnt, wie keine zweite Band es je zuvor getan hatte: als Refugium, als einen Ort, dem es nachzutasten gilt, wenn man sich gegen die Anfechtungen der Gegenwart rüsten will. Arcade Fire kündeten von diesem Ort mit Pomp und Wahn, Selbstgerechtigkeit und Inszenierungswillen. Auf „Funeral“, dem Debüt der Kandier, fanden Klagegesänge und die Talking Heads, persönliche Trauerarbeit und die Pixies, Donnern und Zagen, U2 und Rock-Avantgarde zusammen. Manchmal konnte man den Eindruck haben, als spielte eine beseelte junge Indie-Band Lieder wechselnder Songschreiber (Tom Waits, David Byrne, Bono, Bowie) auf einer Hochzeit mit Todesfall. Schnell fanden sich prominente Fans - darunter nicht zuletzt die Genannten -, und die Presse hatte endlich die Band, die es wie keine andere schaffte, die zwischen Verzweiflung, Haltlosigkeit und totaler Desorientiertheit pendelnde Stimmung des vergangenen Jahrzehnts auf den Punkt zu bringen.

Es war mehr als schade, wenngleich folgerichtig, dass diese Band für ihr zweites Album „Neon Bible“ (2007) ihre Fähigkeit, aus persönlichen Kindheitserinnerungen mit viel Intuition große allgemeingültige Generationshymnen zu machen, in den Hintergrund stellte und stattdessen eine von sich selbst allzu beseelte Anti-Bush-Platte machte. Vielleicht waren die Zeiten ja so schlimm, aber Arcade Fire hatten ihr Thema verloren, und plötzlich klangen die Unschuldsjäger so ernst und salbungsvoll, dass man meinte, einer Band zuzuhören, die von ihrer eigenen Größe berauscht war. Selbst der gutmütige Flaming Lips-Sänger und Pop-Oberkindskopf Wayne Coyne wetterte nach einem Zusammentreffen über die Band: „I get really tired of their pompousness. I thought, ,Who do they think they are?‘ People treat Arcade Fire like they're the greatest thing ever and they get away with it“.

Kindheitsverlängernde Maßnahmen

Nun, nach längerer Pause, erscheint das dritte Album „The Suburbs“. Schon ein Durchlauf macht klar: Die Band hat nichts von ihrer Ambitioniertheit, ihrem Ernst, ihrem Willen, selbst zum Preis der Angestrengtheit das Außergewöhnliche zu schaffen, verloren - aber sie tut dies mit einer Leichtigkeit, die man ihr, der der Wille zur Größe nur so aus den Theaterfundusklamotten qualmt, nicht mehr zugetraut hätte.

Die Geschichte zum Album geht so: Eines Tages flatterte dem Bandanführer-Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne ein Brief ins Haus. Ein Jugendfreund Butlers schrieb darin aus dem texanischen The Woodlands. Hier in dieser Planstadt vor Houston waren Win Butler und sein Bruder William aufgewachsen. Sofort war die Inspiration da: die Vorstadt als Fluch und Chance, der Ort, wo man aufgewachsen ist und vor allem - Kindheit! Win Butler und die aus Haiti stämmige Régine Chassagne schrieben auf der Stelle den Titelsong des Albums. „In the suburbs I learned to drive / And you told me, I'd never survive“. Und am Ende des Songs singt Butler im Falsett: „Sometimes I can't believe it /I'm moving past the feeling again“. Nein, die Kindheit verlässt einen nie. Zum Glück.

Vom Ernst bewahrter Unschuld

Dem Song folgte eine tatsächliche Reise zurück in die Vergangenheit. Um seiner Frau in aller Ruhe den Ort zu zeigen, an dem er aufwuchs, reisten Butler und Chassagne gemeinsam nach Texas. Was sie hier vorfanden, waren jedoch vor allem austauschbare Orte und eine Vergangenheit, die nicht mehr existiert. Die gute Nachricht aber war: Die Band hatte wieder ihr Thema, und die jungen Eheleute einen Haufen Songs. Sehr unterschiedliche Songs, wie man hinzufügen muss.

Das Repertoire auf „The Suburbs“ reicht von Off-Disco über dröhnenden Dream-Pop und Sixties-Jangle bis hin zu überblendetem Folk-Pop. Das Arcade Fire aus diesen Liedern ein Album im besten Sinne - ein langes, mäanderndes, bald hierhin, bald dorthin tastendes Werk voller Stimmungsschwankungen - geschaffen haben, verdankt sich sicherlich am Ende ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer Ambitioniertheit, also dem, was ihnen zuletzt zum Problem zu werden drohte.

Ein schönes Beispiel für das sich auf dieser Platte geradezu bedingende Miteinander von Größe und Beiläufigkeit ist „Suburban War“, das mit seiner gepickten E-Gitarre nach den Byrds oder Love klingt. Doch das hingeworfen wirkende, um sich selbst kreisende Stück birst beinah vor schweren Zeilen, die darum zu wissen scheinen, dass die Vergangenheit unwiederbringlich ist und uns dennoch ständig umgibt: „This town is so strange / They build it to change“. Und dann: „They said the past won't rest / Until we jump the fence and leave it behind“. Die zentrale Zeile nicht nur dieses Albums, sondern des gesamten Arcade Fire-Werkes singt Butler in „We Used To Wait“, der vorab veröffentlichten Single: „Hope that something pure can last“, heißt es dort. Man muss schon ganz schön ernsthaft sein, um sich seine Unschuld zu bewahren.

The Arcade Fire, The Suburbs. CitySlang 6579585

Quelle: FAZ.NET
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