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CD der Woche: Mumford & Sons Hoffnung macht heil

 ·  Mit Springsteen und Dylan auf der Bühne, im Zug durch Amerika und doch noch Zeit fürs zweite Album: Mumford & Sons spielen Folk für Millionen.

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© Rebecca Miller, Cooperative Music (Universal) Vergrößern CD der Woche: „Babel“ von Mumford & Sons

Begeistert stehen diese vier jungen Engländer in einer trophäengeschmückten texanischen Schulhalle, gerade hat die Marching Band für sie gespielt, da schlägt einer der vier vor, das eigene Konzert abzusagen und die Jugendlichen auftreten zu lassen. Stattdessen teilen sich bei The Cave dann abends alle die Bühne: die schwarz-rot uniformierten Schüler und die gefeierten Folkrocker von Mumford & Sons, deren hoffnungsdonnerndes Debüt „Sigh No More“ sich millionenmal verkaufte und eine der besten Platten des an gutem Folk nicht eben armen Jahres 2009 war.

Schließlich erschien damals auch „Yonder Is The Clock“ von den Felice Brothers, die sich auf hakenschlagende Holzhüttenhüpfer ebenso verstanden wie auf epische Erzählungen. Ihr Tourfreund A. A. Bondy gab auf „When The Devil’s Loose“ den Troubadour, malte sich das Dasein als Vampir aus und träumte vom Mondtanz mit der Liebsten. Und den Avett Brothers genügte auf dem von Rick Rubin prall produzierten „I And Love And You“ ja allein der Titel von „Head Full of Doubt / Road Full of Promise“, um zum Herzen des Folk zu gelangen.

© Cooperative Music (Universal) Vergrößern CD der Woche: „Babel“ von Mumford & Sons

Wucht, Trotz und Trost waren der Kraftkern von „Sigh No More“. Die Wucht kam mit flinkfingrigem Gitarren- und Banjospiel, mit dem Grundwumms der von Sänger Marcus Mumford getretenen Bassdrum, mit seiner mächtigen Stimme; der Trotz sprach aus den Stücken über Rage, Rache, Freiheit und Veränderung; der Trost lag in den triumphierenden Bläsern, dem himmelwärts geschmetterten Harmoniegesang und dem Festhalten an der erlösenden Liebe. Bruce Springsteen holte die Londoner bei einem Festival für „Hungry Heart“ dazu, und mit Bob Dylan und den Avett Brothers spielten sie „Maggie’s Farm“ bei der Grammy-Feier.

Was die Prominenz anbelangt, mag da die Marching Band aus Texas nicht mithalten können, aber der Besuch bei den Schülern und der gemeinsame Auftritt am Abend tragen mit zum Charme von „Big Easy Express“ bei, einem ohnehin sehr stimmungsvollen Film über die Konzertreise in einem eigens gemieteten Zug, der auch die Tennessee-Traditionalisten Old Crow Medicine Show und das kalifornische Neo-Hippie-Kollektiv Edward Sharpe & The Magnetic Zeros von Oakland nach New Orleans fuhr.

Zwischen Prominentenhuldigung und Zugfahren entstanden Songs fürs zweite Album. Beim Titel- und Auftaktstück „Babel“ sind sie sofort wieder da, die Wucht, der Trotz und der Trost. Die Tage sind gezählt, die Mauern der Stadt stürzen, die ungeborenen Söhne rufen. Der Sänger kennt seine Schwäche, glaubt an Gnade und Wahl, hebt die Arme gen Himmel und heult: „Babel, Babel, look at me now.“ Mit „Whispers in the Dark“ geht es teufelstreffend, kopfverlierend, liebefindend weiter, dann lässt die banjobeschleunigte Single „I Will Wait“ die Bläser jubeln. Nur im Tempo gedrosselt, sonst ebenso emphatisch, folgen „Holland Road“ und „Ghosts that We Knew“.

Glühendes Klampfenschrubben

Marcus Mumford stibitzte Shakespeare-Zeilen für „Sigh No More“ und spricht im Musikheft schon mal von T. S. Eliot. Bei „Lover of the Light“ heißt es nun: „So love the one you hold / And I’ll be your gold / To have and to hold.“ Schlimm wird es auch, wenn „Lovers’ Eyes“ im „Rivers of Babylon“-Stil ausschunkelt. Für das, was sie bieten, sind beide Stücke mit mehr als fünf Minuten zu lang, was erst recht auffällt, weil danach „Reminder“ bloß zwei schöne Minuten dauert. Im viel besseren Schlussteil gelingt glühendes Klampfenschrubben nah an der Selbstentzündungsgrenze (“Hopeless Wanderer“), unausgesprochene Sünden geistern durch Zwielicht (“Broken Crown“), und der Boden unter den Füßen zittert im Chordonner (“Below My Feet“).

Mit dem Debüt und den Festivalauftritten zählen Mumford & Sons freilich selbst bereits zur Pop-Prominenz, und Marcus Mumfords Hochzeit mit der Schauspielerin Carey Mulligan fügt noch eine eigene Neugier-Note hinzu. Dem Bandnamen zum Trotz habe er keinen Vorrang, musste der Sänger oft sagen. Am Bühnenbild lässt sich das sehen, wenn alle beieinanderstehen, ihre Mikrofone in einer Reihe: Ben Lovett hinter seinem Keyboard, Marcus Mumford mit Gitarre, Winston Marshall am Banjo, Ted Dwane am Kontrabass. Und auch die Texte will Mumford nicht so sehr auf sich bezogen wissen, wie es Deuter tun, die auf sein freikirchliches Elternhaus verweisen und religiöse Lesarten entwickeln. Ein Album namens „Babel“ wird daran wohl wenig ändern.

“We will run and scream / You will dance with me“, singt Marcus Mumford in „Not with Haste“, dem letzten Lied der Platte: „We will be who we are / And they’ll heal our scars / Sadness will be far away.“ Ein himmlisches Versprechen oder ein irdisches? Hauptsache, Hoffnung macht kaputte Herzen heil.

“Babel“, Gentlemen of the Road/Island Records/Cooperative 712814 (Universal)

Quelle: F.A.Z.
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03.10.2012, 16:50 Uhr

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