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CD der Woche: Die Ärzte : Das ist ja schon wieder Punkrock

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Bettmagnet“ Bild: Jörg Steinmetz

Das zwölfte Album der Ärzte ist angeblich das letzte für längere Zeit. Ein Fall zum Trauern? Oder handelt es sich bei „Auch“ um eine Platte für Ärztehasser?

          Auch wenn die drei Kunst-Pubertisten von den Ärzten zusammen schon einhundertvierzig Jahre alt sind, muss man ihnen eines lassen: Sich der Band nach den üblichen musikjournalistischen Kriterien zu nähern, ergibt nach wie vor keinen Sinn. Anders etwa als bei den ebenfalls dem Punkrock in Richtung Arena-Entertainment entkommenen Toten Hosen geht es bei den drei Haltungskomikern nicht um öden Quatsch wie die Frage, wer das neue Album produziert oder ob Wim Wenders als Co-Autor der witzigsten Textzeilen mitgewirkt hat. Derlei Langweiligkeiten sind hier angenehm egal. Es ist auch bedeutungslos, ob sich die Band irgendwelchen „modernen Strömungen“ geöffnet oder gar Gäste zur Produktion der Platte ins Studio gebeten hat. Vollkommen uninteressant. Bei der Beurteilung der Qualität einer neuen Ärzte-Platte geht es auch dreißig Jahre nach ihrer Gründung vor allem um eines: Wie gut funktionieren die Ärzte 2012 noch als Parodie auf eine Band?

          „Auch“, das zwölfte und angeblich für längere Zeit letzte Album, eröffnet mit dem Lied „Aber ist das noch Punkrock?“ und zeigt, wie lustig man die langweilig-ernste Frage nach der Weiterentwicklung beantworten kann: „Früher warst du dabei, wenn eine Wanne brannte/Heute am ersten Mai besuchst du ihre Tante“. Und für die Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Zeile „No Future - das war gestern, seitdem ist viel passiert“ möchte man Farin Urlaub fast das Funny-van-Dannen-Ehrenabzeichen anheften. Die Musik dazu: Punkrock eben, gottlob nicht mehr ganz so satt und muskulös produziert wie noch zu „Unrockbar“-Zeiten. Stattdessen finden hier ein ums andere Mal quietschige Keyboardsounds Verwendung, die ziemlich gut zum albernen Gestus der Band passen.

          CD der Woche : Die Ärzte „auch“

          Ein Album mit dem semi-dilettantischen Geschrammel und Geholze ihrer Live-Auftritte zu füllen, das können sich die Ärzte leider nicht mehr leisten. Am schlüssigsten sind sie heute auf Tonträger immer dann, wenn ihnen zu ihren Daseinsverbalhornungen gute Popmelodien einfallen: Der romantische NDW-Sci-Fi-Pop von „Tamagotchi“ und die Para-Motown-Nummer „Waldspaziergang mit Folgen“ sind positive Beispiele. Bis zum Tag vor der Veröffentlichung war „Auch“ auf Youtube in einer mit schrillen Störgeräuschen versehenen Fassung zu hören - womöglich die perfekte Art, diesem Album zu lauschen.

          Dass den Ärzten hier wieder kein echtes Meisterwerk des dauerpubertären Blödelrock entstanden ist, liegt zum einen an den schon von früheren Platten bekannten Ausrutschern ins Pädagogisch-Wertvolle („Du darfst das“), die sie dann doch ein bisschen wie hauptberufliche Jugendlichenversteher klingen lassen. Ein anderer Makel ist, dass sich die Band gelegentlich mit humoristischen Standardthemen abgibt, die auch die Mario Barths dieser Welt nicht viel flacher bearbeiten würden: Ein Stück wie das Der-Fernseher-im-Schlafzimmer-ist-der-Untergang-der-Beziehung-Lied „Bettmagnet“ etwa ist so komisch wie eine Comedypreis-Verleihung ohne Auftritt von Helge Schneider. Gleich darauf aber folgt „TCR“, eines dieser typischen Selbstbeschäftigungslieder der Band: Wie sie hier einen Gag musikalisch durch die Genres deklinieren, macht einfach Freude, auch wenn man vermuten darf, dass nur echte Fans das Stück mehr als drei Mal hören werden - die aber vermutlich einige hundert Mal.

          Womit man beim eigentlich Erstaunlichen an dieser Clownstruppe mit Attitüde wäre: Trotz des Parodistischen und trotz ihrer Selbstüberzeichnungsmaßnahmen als Comic-Vampire und Rock-Hanswurste taugen die Ärzte ihren ergebenen Fans als Identifikationsfiguren. Das mag daran liegen, dass sie mit ihrer Idee, den eigenen musikalischen Idolen im Trash-Comic-Format zu huldigen, das Konzept von Rock’n’Roll letztlich ernster nehmen als manch ein sogenannter ernster Musiker.

          Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Ärzte - selbst treue Fans etwa von Kiss oder Dion&The Belmonts - ihr Publikum respektieren. Gerade in Zeilen wie diesen: „Es war ein Fehler, uns ewige Treue zu schwören/Es gibt Besseres zu tun als die Die Ärzte zu hören“.

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