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Carla Bruni Ich bin ja auch nicht verheiratet

07.01.2007 ·  Carla Bruni, das singende Ex-Model, hat für ihr zweites Album Klassiker der englischsprachigen Lyrik vertont. Ein Interview über einsame Frauen, rauhe Stimmen und die Frage, wo man sich nackter fühlt - im Konzert oder auf dem Laufsteg.

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Carla Bruni, das singende Ex-Model aus Frankreich, hat ihr zweites Album gemacht. Musikalisch klingt es schönerweise genau wie ihr Debüt „Quelqu'un m'a dit“ - mit rauchiger Stimme geflüsterter Folk-Pop - aber diesmal exhaliert die 38-Jährige keine eigenen Texte über verflossene Liebhaber, sondern sie hat Klassiker der englischsprachigen Lyrik vertont, Gedichte von W. H. Auden, William Butler Yeats, Emily Dickinson, Dorothy Parker. Etwas so Schönes wie „No Promises“ hätte man auch gern als Hörfolie im Englischunterricht gehabt.

Der letzte Termin des Abends. Es ist spät geworden. Carla Bruni hat furchtbar gute Laune. Sie lacht eigentlich während des gesamten Gesprächs.

Warum haben Sie nur englischsprachige Lyrik vertont und nicht D'Annunzio, Verlaine oder Mallarmé?

Eigentlich kam es so: Ich war dabei, Songs auf Englisch zu schreiben, und brauchte Inspirationen. Also kaufte ich mir einen Packen englischer Lyrikbände, und dann habe ich mich in diese Gedichte verliebt.

Carla Bruni im Interview

Also eine frische Liebe. Sie lesen nicht schon seit Ihrer Kindheit englische Gedichte?

Doch, ich hab' schon als kleines Mädchen gern Gedichte gelesen und geschrieben. Aber die Idee, Gedichte zu vertonen, ist mir nie wirklich gekommen. Ich bin diesen Texten einfach begegnet und hab' Gitarre dazu gespielt. Ich weiß, dass das jetzt ein bisschen lächerlich klingt.

Sie haben nur Klassiker vertont. Gedichte, die man googeln kann.

Stimmt. Außer dem von Christina Rossetti vielleicht. Die Arme. Sie hatte keinen Ehemann, keinen Lover. Alle drei Dichterinnen, die auf meiner Platte auftauchen, waren sehr einsame Frauen. Emily Dickinson, Dorothy Parker und Christina Rossetti. Ich hab' das Gefühl, damals mussten sich Frauen entscheiden: Dichtung oder Leben.

Haben Sie sie vielleicht gerade wegen ihrer Einsamkeit ausgesucht?

Nein, ich hab' sie wegen des Sounds ihrer Gedichte ausgewählt. Der Rhythmus, der Klang. Kennen Sie dieses, von Rossetti: „Promise me no promises / So will I not promise you / Keep we both our liberties, / Never false and never true / Let us hold the die uncast, / Free to come as free to go / For I cannot know your past / And of mine what can you know?“ Hören Sie, das läuft ganz von allein.

Ein Antiheiratsgedicht.

Stimmt. Ich bin ja übrigens auch nicht verheiratet. Dieser Text klingt so modern. Rossetti wirft ein paar Dinge über Bord, die Frauen damals akzeptieren mussten. Versprechungen, beispielsweise. Sie hat das 1882 geschrieben, und ich fühle 2006 dasselbe. Unsere Kleidung und unsere Frisuren haben sich verändert, die Seelen nicht.

Älterwerden spielt auf diesem Album eine große Rolle. Beschäftigt Sie das sehr?

Nicht wirklich, aber doch, ja. Ich kann es wohl kaum verleugnen. Diese Gedichte behandeln das Thema spannender und auch humorvoller, als ich selbst das könnte. Ich habe nicht wirklich Angst vor dem Altern. Vor dem Tod schon. Es ist eben nur nicht gerade ein großer Spaß, und für eine Frau schon gar nicht. Aber man muss ja damit fertigwerden. Und noch schlimmer ist es, wenn man versucht, gegen das Altern anzukämpfen. Ein unmöglicher Kampf.

Angeblich sind Sie sehr schüchtern, heißt es immer. Als ich Sie aber in Paris im Konzert gehört habe, war ich überrascht, wie virtuos Sie die Leute um den Finger gewickelt haben.

Ja, die Schüchternen sind ja oft die Extrovertiertesten. Man will darüber wegkommen, darüber wegkommen, immer wieder darüber wegkommen.

Sie waren einmal ein sehr gefragtes Model. War es dann schwer für Sie auf dem Laufsteg?

Da bist du entblößt, aber es geht ja nur um deinen Körper. Im Bikini durch die Blitzlichter zu spazieren ist viel, viel leichter, als mit einer Gitarre vor Publikum zu sitzen.

Sie fühlen sich nackter im Konzert?

Viel nackter. Wegen deiner Stimme. Ich weiß, dass das jetzt nicht sehr originell klingt: aber ich glaube, die Stimme ist wirklich ein Tor zu deiner Seele. Die ersten Konzerte waren deshalb extrem schwierig für mich und trotzdem phantastische Erlebnisse. Die Leute waren so nett zu mir. Die haben applaudiert, wenn ich mich verspielt habe. Als hätte ich vor lauter Cousins und Cousinen gespielt.

Geradezu therapeutisch.

Ja, und nach dem Konzert ist man mit Adrenalin vollgepumpt. Da musst du erst mal mit ganz vielen Leuten sprechen, und ich bin gar nicht mehr runtergekommen. Schlafen? Vergessen Sie's! Wenn ich um zwei zu Hause war, bin ich im Kopf noch mal alles durchgegangen. Ich hab' das ganze Konzert noch mal gegeben.

Auf den Songs des neuen Albums sind viele kleine Nebengeräusche, Lachen, Schnurren, Seufzen.

Lauter kleine Fehler, ja. Die Gedichte werden dadurch ein bisschen leichter, und ich eigne mir die Texte auf diese Weise ja auch an. Als Frau, die das einfach nur singt. Wir haben uns bei den Aufnahmen oft kaputtgelacht. Vielleicht gerade, weil diese Texte so bedeutend sind. Ich hab' oft gedacht: Hoffentlich stört es William Butler Yeats nicht, wenn ich diese Zeile wiederhole.

War es schwer, mit solch schweren Gewichten zu hantieren?

Nur, solange ich darüber nachgedacht habe. Man muss es einfach machen. Nicht zu viel darüber reden. Wie beim Sex. Wenn du beschreiben müsstest, auf welche Weise er deine Brustwarze streichelt, das macht keinen Sinn. Aber es geht ja um den Gesamteindruck. Die Details kümmern dich nicht, wenn du spielst. Genie hin oder her. Es geht um einen Song.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Gedichte ausgewählt? Emily Dickinson hat immerhin 1789 Stück geschrieben.

Einfach so beim Durchblättern. Mein Lieblingsgedicht von ihr ist nicht auf das Album gekommen: „I am nobody. Are you - Nobody - Too? Then there's a pair of us!“

Dickinson ist ja eine große Verzweifelte.

Ich besitze eine Kassette „Silvia Plath liest Dickinson“. Sehr, sehr gutes Tape.

Völlig begeistert bin ich auch von Auden. Es gibt einen Text von ihm, der ist fast ein Rap: „Ladies and gentlemen, sitting here, / Eating and drinking and warming a chair, / Feeling and thinking and drawing your breath, / Who's sitting next to you? / It may be Death.“ Phantastisch! Der Tod. Auden ist so verständlich und modern.

Ist Ihr Englisch eigentlich so gut, dass Sie ein Gedicht wie Dickinsons „If You Were Coming in the Fall“ mühelos verstehen? Da haben ja selbst Muttersprachler Probleme.

„Goblin bee“ heißt „koboldhafte Biene“, das musste ich natürlich nachschlagen. Mir ist übrigens aufgefallen, dass diese mystischen Wörter alle im „Herrn der Ringe“ auftauchen. Geister, Elfen, Kobolde. Emily Dickinson bezieht sich oft auf die alten Sagen, diese Geschichten aus der mündlichen Überlieferung Amerikas.

Hat es Sie eingeschüchtert, dass es zu einigen dieser Gedichte bereits Vertonungen gab? Die Tradition des Kunstlieds.

Ja, und dann auch wieder nein. Wenn ich an so etwas wie die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler denke, dann schüchtert mich das natürlich ein. Ich liebe klassische Musik, aber das ist ein ganz anderes Feld. Das sind Genies. Manchmal improvisiere ich völlig hemmungslos Songs zu klassischer Musik. Wie seinerzeit Serge Gainsbourg. Er hat Texte zu Chopin-Melodien geschrieben. Vielleicht wäre Chopin tot umgefallen, wenn er das gehört hätte. Aber vermutlich hätte er Gainsbourg geliebt.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Musik Ihres Vaters? Er war ja nicht nur Industrieller, sondern auch ein ziemlich bekannter zeitgenössischer Komponist.

Und sogar Intendant des Turiner Regio-Theaters. Ich mag die Musik meines Vaters. Sie ist sehr kompliziert und manchmal so sanft. Kurze zärtliche Momente inmitten des Chaos. Mein Vater war ein sehr distanzierter Mensch, und seine Zärtlichkeit habe ich mehr in seiner Musik verspürt als in seiner Person.

Wie war es, in diesem Umfeld aufzuwachsen?

Meine Mutter ist Pianistin. Wir hatten zwei Flügel im Haus, und es wurde ununterbrochen gespielt. Ununterbrochen! Grieg, Rachmaninow, Mozart, Chopin, Beethoven.

Ihre Musik klingt, als hätten Sie in Ihrem Zimmer aber viel Dylan, die Stones und Leonard Cohen gehört.

Wenn ich meinem Vater The Clash vorgespielt habe, „I'm Lost in the Supermarket“, hat er gesagt: Das ist ja die reinste Stammesmusik. „Satisfaction“ waren für ihn eben bloß drei Akkorde. Mein Vater hat Rock 'n' Roll immer Boogie Woogie genannt, weil er zu Zeiten von Charleston groß geworden ist. Für ihn war das Musik, die auf sexueller Trance basierte.

Eine Frage noch: Warum haben eigentlich so viele italienische Frauen diese unglaublich rauchigen Stimmen?

Das muss genetisch sein. Ich hatte diese Stimme schon, als ich noch nicht rauchte. Schon als Kind. Als ich sechs Jahre alt war, nahm mich meine Mutter zum Spezialisten mit. Sie wunderte sich, dass ich wie ein Barkeeper klang. Der hat meine Stimmbänder fotografiert. Rauhe Stimmen entstehen, wenn die Stimmbänder sehr dick sind und weit auseinanderstehen. Wenn da Luft durchkommt, klingt es wie Marge Simpson. Wenn ich hoch singe, wird meine Stimme reiner, hören Sie? (Singt:) „And I will always love you.“ Sonst bin ich also: tief und rauh.

Interview Gero Günther

Carla Bruni: „No Promises“ (Ministry O. / edel), ca. 15 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.01.2007, Nr. 1 / Seite 20
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