15.05.2008 · Mit vollem Namen heißt er Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno. Mit Brian Ferry gründete er Roxy Music, nahm mit David Bowie dessen schönste Platten auf und arbeitete mit den Talking Heads und U2: Zum sechzigsten Geburtstag von Brian Eno.
Von Tobias RütherBrian Eno soll einen unheimlichen Schlag bei den Frauen gehabt haben. Das erzählt jedenfalls Bryan Ferry, mit dem Eno die vielleicht wichtigste englische Popband der siebziger Jahre gegründet hat: Roxy Music waren ein aus allen Epochen geklautes und brandneu zusammengesetztes Gesamtkunstwerk von Pin-Up, Schmalzgesang und Synthesizer-Tönen, die es so vorher nicht gegeben hatte. Für sie war Brian Eno verantwortlich, dem also die Frauen zu Füßen lagen, auch wenn er damals eher wie eine Drag Queen aussah. Wobei diese Geschlechterirritation nur ein weiterer linguistischer Zug in jenem Spiel der Zitate war, das Roxy Music in den Augen des Grafikdesigners Peter Saville zu den eigentlichen Urhebern der Postmoderne machte.
Einmal wurde Eno dabei beobachtet, wie er von Kopf bis Fuß im Fummel in der Londoner U-Bahn saß und selbstvergessen William Shirers „Aufstieg und Fall des Dritten Reichs“ las: Dieser Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno (so haben seine Eltern ihn wirklich genannt) tickte anders als die anderen. An Musik interessierte ihn vor allem, wie man sie aus dem Takt bringt, wie man mit ihr die Zeit manipulieren kann. Als er Ende der sechziger Jahre an der Ipswich Art School begann, mit Bandmaschinen zu experimentieren und „Klangskulpturen“ zu bauen, konnte er kaum Noten lesen. Später bei Roxy Musik war das wenig anders - und das in einer Epoche zur Schau gestellten Virtuosentums von Rockorchestern.
Er scherte sich nicht um Regeln und schuf neue
Enos Haltung war dagegen die eines Punks: Einfach anzählen, „one-two-three-four!“ - und schon fielen unter unerhörten Geräuschen die Popkonventionen in sich zusammen. Prozess, Performance, Spiel - Eno brauchte dafür mehr Raum, als Roxy Music ihm bieten konnten, und so verließ er die Band nach dem Debüt von 1972. Inzwischen hat er wieder mit Bryan Ferry zusammengearbeitet, wie Eno sich überhaupt als Produzent einen Namen gemacht hat. Und auch wenn man leichter verstehen kann, was ihn an den verkopften Talking Heads interessierte als an den Stadionpredigern von U2: Beiden Bands verhalf er zu großen Erfolgen.
Mitte der siebziger Jahre in Berlin nahm er mit David Bowie dessen künstlerisch schönste Platten auf. Sie zerhackten Tonbänder und knüpften sie neu zusammen, organisierten elektronische Musik nach Enos „Oblique Strategies“, einer Serie von Ereigniskarten mit Sätzen wie „Repetition is a form of change“. Auf diese Erkenntnis gründete Eno eine neue Gattung: „Ambient“, Noten in endlosen Schleifen, die sich in ihrer Umgebung auflösten. Auf „Music for Airports“ von 1978 hat er das perfektioniert, seither in unzähligen Aufnahmen aber dennoch daran weitergeforscht. Hochschulprofessor ist er so geworden, hat an der Universität der Künste in Berlin unterrichtet und dort 2006 fast die dann abgesagte Eröffnungsfeier der Fußball-WM mitgestaltet. Es gibt nicht viele Intellektuelle in der Popmusik, die sich derart wenig um Regeln scherten und gleichzeitig so viele neue Regeln schufen wie Brian Eno. Heute wird er sechzig Jahre alt.
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okay altinisik (altinisik)
- 15.05.2008, 12:41 Uhr
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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