29.06.2005 · Er ist Keyboarder und Kunstprofessor, läßt sich zum Singen von Staubsaugern oder Wäschetrocknern inspirieren und von einem Computer Texte liefern. Nur mit der Auferstehung von „Roxy Music“ hat Brian Eno nichts im Sinn.
Von Wolf KampmannKaum einem anderen musikalischen Ereignis wird derzeit mit größerer Spannung entgegengesehen als der bevorstehenden Auferstehung von „Roxy Music“. Wenn Kapitän Bryan Ferry aus Anlaß seines sechzigsten Geburtstages, den er im September feiert, mit seinem alten Flaggschiff in See sticht, fehlt ihm allerdings sein einstiger Klangnavigator Brian Eno.
Dem Kunstprofessor liegt nichts ferner, als auf alten Routen zu fahren. Neulich auf eine Wiederbeteiligung an „Roxy Music“ angesprochen, reagierte der sonst als Gentleman bekannte Keyboarder derart gereizt, daß er um ein Haar alle Termine in Europa gestrichen hätte. Allerdings beruft auch Eno sich auf alte Tugenden, wenn er mit seinem demnächst erscheinenden Album „Another Day On Earth“ zum guten alten Song zurückkehrt. „Komisch“, lacht er, „als ich vor fünfundzwanzig Jahren Music For Airports machte, wurde ich ständig gefragt, warum ich keine Songs mehr schreibe. Kaum mache ich wieder ein Songalbum, scheint es zu befremden, daß es keine instrumentale Platte ist.“
Er singt nicht wirklich
Doch Eno singt nicht wirklich. Er haucht minimalistische Botschaften über noch reduziertere Klangteppiche und arbeitet gerade im klassischen Songformat die Ambient-Ästhetik, von der er sich zuletzt mehrfach lautstark distanziert hatte, um so wirkungsvoller heraus. Zum Singen läßt er sich von Staubsaugern oder Wäschetrocknern inspirieren. „Auf einem monotonen Geräusch zu singen ist sehr schwierig. Nur einige Inder und Afrikaner sind dazu in der Lage. Wir Europäer singen lieber über Akkordwechseln. Deshalb erscheint uns Techno oft so langweilig.“
Dem heute siebenundfünfzigjährigen Engländer geht es um musikalische Landschaften. Am liebsten würde er überhaupt nur Sounds und keine Texte singen. Nichts sei schwerer, als den vokalen Nonsens, mit dem man einen Song entwirft, in Sprache zu übersetzen. „Solange man Unsinn singt, bleibt der Song so groß wie deine eigene oder des Hörers Imagination. Aber sowie es in einem Lied um etwas Konkretes geht, ist seine Größe genau meßbar.“
Ein Computer erstellt ihm Texte
Um diese Klippe zu umschiffen, arbeitet Eno derzeit an einem Computer, der ihm Texte erstellt. Und daß er selbst lange keine Songs veröffentlicht habe, heiße ja nicht, daß er nicht gern singen würde. Mit anderen Musikern hat er an unzähligen Songalben gearbeitet. „Ich wollte nur nicht mehr das Zentrum dieser Songs sein. Eines der größten Mißverständnisse unserer Zeit besteht ja darin, daß man den Sänger mit seinem Song identifiziert, wie das Auge ein Landschaftsgemälde ganz unterschiedlich mit oder ohne eine Figur darin betrachtet. Ich habe das Vertrauen zu Songs verloren, weil ich den Eindruck habe, sie lenken die ganze Konzentration des Hörers auf dieses stupide Rock-'n'-Roll-Image von Persönlichkeit.“
Eno tritt aus seinen Songs heraus, beruft sich auf David Bowie, wenn er seine Stimme wie einen Darsteller in einem Shakespeare-Drama behandelt. Seine experimentellen, im Verzicht auf Samplings jedoch auch stoisch anmutenden Keyboardklänge bauen ihm eine Kulisse, die an die maritimen Eisphantasien eines Caspar David Friedrich erinnert. Spannung und Faszination des kurzen Albums beruhen vor allem auf der latenten Gegensätzlichkeit zwischen spiritueller Distanz und physischer Nähe. Oder, in Enos Worten, auf „Verlust und Triumph“.