Home
http://www.faz.net/-gsd-qaq2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bob Geldof Pop gegen das Elend

08.06.2005 ·  Schnell noch einmal in Berlin aus dem Flieger gefallen: Bob Geldof, Weltreisender in Sachen Weltveränderung, kämpft für die Entsorgung milliardenschwerer Sorgen der sogenannten Dritten Welt, die es nicht mehr gibt, weil es nämlich nur eine gibt.

Von Klaus Ungerer
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (0)

Campino von den "Toten Hosen" kommt auch kurz zu Wort. Und die scheidende Bundesministerin für wirtschaftliche, ähm, hups, schon wieder vorbei. Und ein Herr von Oxfam. Die Geschichte wird sich über all diese hinwegwälzen im Schlaf, machen wir uns doch nichts vor.

Also. Wir dürfen dabeisein. Dürfen Bob Geldof erleben, eben noch huscht die Pressemitteilung herein, da hat er sich schon herbeigeblitzt aus dem Himmel, abgeworfen von einem jener unzähligen Flugzeuge, die in seinem Namen um den Globus pesen, die Luftwaffe der Erlösung, heißglühend aktiv bis hin zu jenem zweiten Juli. Bob Geldof erscheint uns also in Berlin, und wir wollen gar nicht erst damit anfangen, ihn "Sir" zu nennen. Dieser Mann hat eine Weltveränderung auf der Agenda, eine Umwälzung der Herzen, Verschrottung schlimmer Strukturen, Entsorgung milliardenschwerer Sorgen der sogenannten Dritten Welt, die es nicht mehr gibt, weil es nämlich nur eine gibt.

Kleiner Bruder im Geiste

Bob Geldof erklärt sie uns, und da können wir nur lernen und wollen weiter gut zuhören, wollen wegwedeln den Depressionshauch, der in uns aufsteigen will, als wir die grauhaarige Gestalt reden sehen, wollen nicht an die manischen, stirnbandtragenden Logorrhöiker unserer Schulzeit denken und nicht an "The Wall", jenen Leinwandalbtraum, in dem Bob Geldof das paranoide Rock-'n'- Roll-Wrack gab, noch lange ehe er "Band Aid" und "Live Aid" ins Leben rief und doch die Rockmusik bereits verändert hatte auf immer.

Als er nämlich noch die Clubs von Dublin bespielte, so erfahren wir, stand ganz vorne an der Bühne immer so ein interessierter Junge, und das war kein Geringerer als der spätere Bono von "U2", der sei wie ein kleiner Bruder für Bob Geldof, auf den sei er schon stolz.

Der Rest ist, nun ja, Weltpolitik

Damit hat er eigentlich schon das Seine getan zum Frommen der Rockmusik; der Rest ist, nun ja, Weltpolitik. Nichts kann Bob Geldof halten, wenn der Geist ihm in den Zungenmuskel fährt, kein enger Zeitplan, keine Verschnupfung, kein Konzertveranstalter.

Erst seit er "Live Aid" spielen ließ, 1985, stehe Afrika überhaupt auf der politischen Agenda, und so soll es also auch am 2. Juli wieder sein, wenn in sieben Städten weltweit "Live 8" gespielt werden wird, um den G-8-Gipfel in Edinburgh unter Druck zu setzen. Gerne sollen wir Vervielfacher verkünden: wie er Tony Blair ans Telefon zitiert, weil ihn das Sterben in Afrika so erregt; wie er der scheidenden deutschen Ministerin lobend den roten Schopf streichelt (woraufhin diese zunächst panisch, dann entschlossen lachend das Gesicht verzieht); wie er den Staatschefs des G-8-Gipfels Konsequenzen androht, wenn sie nicht spuren; wie er eine Invasion Großbritanniens Anfang Juli vorhersagt, mit Hilfe unzähliger Schiffe von der französischen Küste aus, unterstützt durch "die größte Privatjetflotte aller Zeiten" unter der Führung von John Travolta; wie er Schröder und Bush ein paar gutgemeinte Richtlinien auf den Weg gibt und dem Papst dringend empfiehlt, er solle in Edinburgh ein Lied für die "Armee der Armen" singen; wie er sich en passant in eine Linie mit Gandhi, Mandela und Kennedy stellt; wie er das machtvolle Aufbruchssignal zu geben bereit ist für eine Welt voller Hoffnung - so möchten wir ihn nicht erleben, wenn das Gigakonzert erst vorbei sein wird, der G-8-Gipfel abgesessen und die Erde eine dumme Kugel, die sich in der üblichen Richtung dreht: rechts rum (von unten gesehen).

Quelle: F.A.Z., 09.06.2005, Nr. 131 / Seite 42
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr