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Veröffentlicht: 07.06.2017, 15:05 Uhr

Bob Dylans Nobelpreisrede Im Kreisverkehr

Was will uns der Musiker damit sagen? Bob Dylan hat seine Nobelpreisvorlesung gehalten. Sie wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Witz, tatsächlich gibt sie tiefe Einblicke in seine Poesie.

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© Reuters Literaturnobelpreisträger Bob Dylan bei einem Konzert im Jahr 2012

Er hat geliefert – und wie. Viele hatten nicht mehr mit einer Nobelpreisvorlesung Bob Dylans gerechnet, nun hat er sie auf den letzten Drücker doch noch bei der Schwedischen Akademie vorgelegt: Nach dem 10. Juni hätte er sonst nämlich das Preisgeld zurückgeben müssen. Aber dass es nur eine Not-Rede sei, werden auch die übelwollendsten der Kritiker, welche die Auszeichnung für einen Witz hielten, nicht sagen können, denn in der guten halben Stunde wagt Dylan einen wilden Ritt durch die Musik- und Literaturgeschichte.

Jan Wiele Folgen:

Ob die Vorlesung selbst eine Art Witz ist, wäre allerdings eine Überlegung wert. Eine Provokation auf jeden Fall: Denn die Ausgangsfrage, was an seinen Songs literarisch sei, beantwortet Dylan mit einem ziemlich kruden „Was weiß ich?“. Er zitiert etwa eine Gedichtzeile von John Donne, die mit Brüsten und Liebenden zu tun hat, nur um dann zu sagen, er verstehe zwar die Bedeutung nicht – „but it sounds good“.

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Auch die Form dieser Vorlesung könnte belustigend wirken: Denn Dylan hat neben der schriftlichen Fassung ein Tondokument mit klimpernder Klavierbegleitung eingelesen, bei dem er oft eigentümlich nuschelt. Aber Moment mal: Das kennt man doch irgendwoher? Richtig: Es erinnert stark an „Bob Dylan’s Theme Time Radio Hour“, jene Radiosendung mit einhundert Folgen, die einen enzyklopädischen Schatz der populären Musikgeschichte darstellt, sich dabei aber spielerisch an ein breites Publikum wendet, eine klingende „Everyman’s Library“. Auch die Art, wie Dylan nun in seiner Vorlesung über Literatur spricht, hat etwas betont Antiakademisches, eben als spräche ein einfacher Folkie, kein Gelehrter.

Wenn er eines seiner großen Vorbilder beschreibt, Melvilles „Moby Dick“, klingt das mitunter fast wie eine Zusammenfassung für Kinder: „Lots of facts in this book“! Und doch liefert er in der Melville-Analyse lauter Schlüssel zum eigenen Werk: „Everything is mixed in“, sagt er, Highbrow, Lowbrow, Bibel und griechische Mythologie, Hindu-Mythen und britische Legenden.

Tatsächlich begründet Bob Dylan in diesem Text seine Poetik, von Anfang an: Er kommt von seinen Vorbildern aus Folk, Blues und Rock über die Bedeutung der Mundart und der Sprache der Matrosen und Cowboys schließlich auf drei Epen zu sprechen, die sein Werk beeinflusst haben: neben „Moby Dick“ und Homers „Odyssee“ zählt er dazu überraschenderweise auch Remarques „Im Westen nichts Neues“. Das wird der Exegese seiner Antikriegslieder vielleicht noch manche interessante Note hinzufügen – und womöglich Vergleiche mit Elton Johns „All Quiet on the Western Front“ (1982).

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Während man zunächst auch überrascht ist, wie exzessiv Dylan in seiner Rede den Inhalt dieser drei Epen wiedergibt, wird bald klar, dass es sich dabei mitnichten um Zeilenschinderei handelt. Sondern er führt, indem er diese Werke geradezu nachdichtet (aus Remarques Ich- und Wir-Erzählung des Kriegsromans macht er eine Du-Ansprache, die den Leser oder Zuhörer seiner Rede wiederum in den Schützengraben versetzt) innerhalb der Vorlesung vor, wie Lyrik oder lyrische Prosa entsteht. Und in einer Allegorie, die das Kunstwerk mit einem Schiff gleichsetzt, versetzt er auch einigen Deutern und Kritikern einen Seitenhieb: „Crewmen walk around on deck listening for mermaids, and sharks and vultures follow the ship.“

Je tiefer man in diese Rede eintaucht, desto mehr geht einem ihre nur scheinbare Kunstlosigkeit auf. Die rhetorische Einleitung, in der Dylan seine eigene Methode beschreibt („It will go in a roundabout way“) mag mit diesem Bild auch einen hermeneutischen Zirkel andeuten, das Kreisen um eine Mitte, in der womöglich nur die Worte „It Ain’t Me, Babe“ stehen. Am Ende behauptet Dylan dann wirklich, der Dichter sei nur ein Gefäß, durch das die Muse singt. Das wirkt nach dieser großen und weitschweifigen Performance nicht kokett, sondern angenehm bescheiden.

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