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„Fallen Angels“ von Bob Dylan : Hoch auf dem Golden Oldie

Bild: dpa

Bob Dylan dreht Musik anderer Leute von Hand im Grabe um: Sein neues Album „Fallen Angels“ erscheint zu seinem 75. Geburtstag, stolpert und fällt am Ende auf sich selbst herein.

          Höre und staune, so kann man das Hochgefühlspanoramadrama „It had to be you“ also auch interpretieren: als Torkelschwof für die volltrunkene letzte Phase bei der Engtanzparty, wenn die Leute nur noch sachte widereinander schwanken, Tannenwipfel im Abendhauch. Der kleinste, feinste Schlagzeugbesen beschmiert in geduldiger Streichbewegung das zarte Filetstück des ewigschönen Liedes mit dem flüssigen Eigelb klebriger Sentimentalität, dann darf ein wehmütiges, uraltes Krokodil die Bescherung mit den Seelenbröseln seiner Tabakkrümelstimme bestreuseln, Ladies and Gentlemen, Bob Dylan: „might never be cross, or try to be boss“ – so also nimmt er Frank Sinatra jetzt ein Wort aus dem Mund, das er selbst schon hübscher gesungen hat, nämlich als „All I really want to do is, baby, be friends with you.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Hören Sie das? Diese komplett geheimnislose, völlig mit sich selbst einige Gitarre, nach deren sauberem Sound Lou Reed vor „New York“ (1989) zwanzig Jahre lang erfolglos suchen musste? Der Arrangeur Bob Dylan hat sie jetzt wiedergefunden; sie lag unterm Waschbecken, in einer Wanne mit abgestandenem Geschirrspülmittel. Geistloser kann Sauberkeit nicht klingen.

          Dylan, der große Musiker, berühmte Dichter und Zeuge eines amerikanischen Jahrhunderts, sitzt also zum wiederholten Mal hoch auf dem Golden Oldie und erklärt des Kaisers olle Klamotten (lies: Kamellen) zur Frühjahrskollektion seiner traditionsreichen Maßschneiderei. Widerstand ist herzlos: Alles schnippt mit den Fingern, wenn auf „On a Little Street in Singapore“ ein molliges Nostalgiefeuerchen im Kamin eines gemütlichen Wimmerzimmers unter leise jaulender Zupfdudelbegleitung vor sich hin knistert und die Nummer dann plötzlich so abrupt aufhört, als würde ein Liebesroman mit dem Satz beendet: „Und dann kriegen sie einander halt.“

          Nicht jeder Genuss verträgt Publikum

          Die Platte, auf der dies geschieht und die man von heute an kaufen kann, heißt beziehungsreich „Fallen Angels“. Nicht alles darauf ist so deprimierend schlecht wie das Geschilderte. „That Old Black Magic“ zum Beispiel federt flott wie ein Schwärmchen Angry Birds; die Idee, das Wort „Kiss“ mit einem furchtlosen Kick zu bekräftigen, ist grob und platt, also ein tüchtiger Hit. Umso schlimmer spukt der Rest, am schlimmsten die Eröffnung mit „Young at Heart“, vorgeknödelt im Gestus „Mir doch egal, wie das Ding geht, ich bin, wie ich bin“, eine Verwechslung von Gehabe mit Kunst, die als Auftakt für einen Rundgang durch Archivbestände wirkt, als würde sich jemand mit ironischem Augenzwinkern als der neunte der sieben Zwerge vorstellen.

          Ist ihm so langweilig? Langweilig war ihm ja immer wieder. Aber dann hat er im besten Fall sich selbst, andere oder seine Instrumente dafür eben büßen lassen (akustische Gitarre? Nichts da. Stimme einer Generation? Von wegen. Lieder mit kritischem Dings? Ihr könnt mich mal), und alle hatten was von der Kurskorrektur. Und jetzt? Ein Hain von unfruchtbaren, spät gepflanzten Apfelbäumchen mit wächsern glänzenden Plastikfrüchten dran. Alte Männer, ohne die der Planet Musik ein anderer wäre, sollen ihren Lebensabend genießen dürfen wie jedes andere Tierchen. Aber nicht jeder Genuss braucht und verträgt Publikum, und wenn Bob Dylan beim Häuten der Zimbel seine Jugenderinnerungen wiederfindet, ist das nur für verrentete Kulturstaatsministerialbeamte automatisch interessanter als, sagen wir: revanchistischer Schlagerschmutz, der gerade den Eurovisionswettbewerb gewonnen hat.

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