15.11.2005 · Wie aus einer Legende Geschichtsschreibung wird: Martin Scorsese porträtiert in einem vierstündigen Film, der auf DVD erschienen ist, Bob Dylan - ein Wunder der Rockgeschichte.
Von Verena LuekenBob Dylan spricht. Wer das noch nicht für eine Sensation hält, sollte hören, was er sagt, was er nuschelt, worauf er herumkaut. „Ich bin aufgebrochen, um nach Hause zu finden, wußte aber nie, wo das war.“
Das faltige Gesicht, groß und ohne den dazugehörigen Körper ein wenig geisterhaft, blickt aus dem Bildschirm zur Seite, ernst mit einem ironischen Schatten um die Augen, später bricht sogar manchmal der Ansatz eines Lächelns auf. Dann kommt ein Schnitt, und wir sehen den sehr jungen Dylan, wie er singt, nuschelt, auf den Zeilen herumkaut und die Wörter vermanscht ins Mikrofon tropfen läßt: „How does it feel / to be on your own / with no direction home.“ So beginnt die fast vierstündige Dokumentation, die Martin Scorsese über Bob Dylan gedreht hat, und wenn diese Stunden vorüber sind, ist aus einer Legende Geschichtsschreibung geworden.
Kein sichtbares Gegenüber
Daß Scorsese, der mit „The Last Waltz“ 1978 einen der besten Musikfilme aller Zeiten vorgelegt hat, „No Direction Home“ gedreht hätte, ist nicht ganz richtig. Gedreht hat er gar nichts, nicht einmal das so seltene Interview mit Dylan vor ein paar Jahren, das die Materialfülle strukturiert. Viele Stunden lang gesprochen hat Dylan vielmehr mit seinem Manager Jeff Rosen, der „No Direction Home“ fürs amerikanische und englische Fernsehen und die DVD-Auswertung mitproduziert hat. So heißt es jedenfalls; im Film hat Dylan kein sichtbares Gegenüber. Scorsese aber hat montiert. Herausgekommen ist eine zeithistorische Collage, die ein Hauch von Genialität durchweht: die von Dylan natürlich, dem es auch hier nicht um Authentizität zu tun ist, aber auch die des Filmemachers.
Bob Dylans frühe Jahre: Martin Scorseses „No Direction Home“
Es geht um die Jahre 1961 bis 1966, von den Anfängen als Folksinger über die „Judas“-Beschimpfung durch einen britischen Fan, der, wie so viele andere, Dylans Schritt zur Rockmusik für Verrat hielt, bis zum Motorradunfall 1966, der Dylans Karriere für mehr als nur einen Augenblick unterbrach. Der Dokumentenberg, der sich in den Dylan-Archiven allein zu dieser frühen Zeit offenbar aufgetürmt hat, ist beeindruckend. Da gibt es home movies, Fotos und Konzertmitschnitte, Publikumsbefragungen, back-stage-Aufnahmen, Bilder von Dylan in der Garderobe und im Studio, im Auto und immer wieder auf Bühnen kleiner Clubs in Greenwich Village oder auf Tournee.
Kubakrise und Kennedy-Mord
Außerdem fanden sich nichtverwendete Szenen zu „Don't Look Back“, der Dokumentation von D. A. Pennebaker über Dylans England-Tournee im Jahr 1965, und Pennebakers Dokumentarfilm selbst wird ebenfalls ausgiebig zitiert. Auch Murray Lerner hat 1963 bis 1965 während des „Newport Folk Festival“ Filmdokumentationen gedreht, die in Auszügen von Scorsese verwendet werden. Dazu gibt es die für solche Zusammenschnitte üblichen zeithistorischen Szenen von Bürgerrechtsmärschen, duck-and-cover-Übungen, der Kubakrise, dem Kennedy-Mord. Auf der Grundlage dieses vielleicht besonders umfangreichen, für zeitgeschichtliche Dokumentationen aber durchaus üblichen Materials entsteht hier etwas ganz Besonderes: nicht das Porträt einer Zeit und einer der sie prägenden Figuren, sondern das Porträt eines Künstlers, der immer bereits in einer anderen Zeit unterwegs war als in der, für die er stehen sollte und auf die wir als Zuschauer gerade blicken. Das ist Scorseses Genie - im Umriß einer Zeit den Außenseiter zu zeigen, der sie prägte.
Bob Dylan spricht, aber er spricht nicht über sich. Oder doch nur soweit, wie es mit seiner Musik zu tun hat. Er spricht von Woody Guthrie, Odetta, Muddy Waters und Johnny Cash, und andere wiederum, Joan Baez etwa, Van Ronk, Allen Ginsberg oder Al Kooper erzählen, wie er sie enttäuscht, bestohlen und verzaubert hat. Keinesfalls spricht einer von ihnen davon, was in anderen Filmen über Musiker im Zentrum steht: Geld, Frauen, Drogen. Und Rosen fragt auch Dylan nicht danach. Die Frauen gehen uns nichts an. Über die Drogen können wir uns in einigen Aufnahmen ein eigenes Bild machen. Über das Geld allerdings hätten wir doch gern etwas gewußt. Und sei es nur, daß es damals nicht alles war, worum das Rockgeschäft sich drehte.
Es mußte etwas Neues kommen
Dylans Laufbahn begann zu einer Zeit, da Amerika im Rhythmus von Liedern wie „How Much Is the Dog in the Window“ schunkelte. Daß etwas Neues kommen mußte, war offensichtlich - warum es Dylan sein sollte, der das Neue brachte, nicht unbedingt. Vielleicht spielt es auch keine Rolle, und wenn man ihm zuhört, ist zumindest sicher, daß es ihn selbst überhaupt nicht interessiert. Wie ihn auch, obwohl er den Erfolg unbedingt wollte - auch das wird sehr deutlich in Scorseses Film -, die Masse seines Publikums eigentlich nicht wirklich interessiert. Er wollte nie einer von ihnen sein, sagt Dylan, sich nie gemein machen mit seinen Anhängern, nicht mit der Gemeinde der Folk-Jünger, nicht mit der Protestbewegung, der er den Soundtrack schrieb. Er blieb ein Solitär, einer, wie ein Mitarbeiter von „Highway 61 Revisited“ es nennt, den „der liebe Gott nicht an der Schulter berührt, sondern in den Hintern getreten hat“, einer, der den Heiligen Geist in sich trug, „and that was that“.
Mythos? Legende? Nein, ein Geschichtenerzähler, der eine Sprache erfunden hat, die er selbst nicht kannte und die noch nie jemand gehört hatte, aber viele verstanden haben. Bob Dylan bleibt auch mit dieser Dokumentation (und mit dem Soundtrack, der parallel als CD in der Bootleg-Serie erschienen ist) ein Widerspruch, ein Flüchtiger, der dasitzt und spricht. Er war immer ein anderer als der, für die ihn die Öffentlichkeit gerade hielt. Emphatisch frei, ein Wunder der Rockgeschichte.