29.09.2004 · Arbeit auf Jahre für die Dylanologen: Hat ihr Idol in den „Chroniken“, die er nun veröffentlicht, wirklich die Wahrheit geschrieben? Bob Dylan jedenfalls will nicht als Prophet gesehen werden, sondern als „Kuhhirte“.
Von Jordan Mejias, New YorkNur um die größten Hoffnungen gleich ein wenig zurechtzustutzen: Bob Dylan hat nicht seine Autobiographie geschrieben. Das kann schon heute gesagt werden, auch wenn die Welt erst Ende nächster Woche im ersten Band seiner "Chroniken" blättern darf und sich bis dahin mit dem Nachrichtenmagazin "Newsweek" begnügen muß, dem der Autor einen kurzen Auszug überlassen und ein seltenes Gespräch gewährt hat.
Aber, wie schon daraus zu schließen wäre, wird es dennoch nicht an überraschenden Wendungen, Erklärungen und Beschreibungen fehlen. Statt seine Vita chronologisch auszuleuchten, wirft der dreiundsechzig Jahre alte Dylan Schlaglichter auf diesen oder jenen Lebensabschnitt, auf seine Anfänge in der New Yorker Folkszene von Greenwich Village, auf die Entstehung zweier minder berühmter Alben und den Kampf, den er gegen seine endlos verfluchte Berühmtheit führte.
Die Sensation dabei ist, daß er jeder poetischen Mystifikation abgeschworen und uns die Wahrheit und nichts als die ungeschminkte Wahrheit vorgelegt haben will. Songs, erzählt er David Gates, seinem Gesprächspartner von "Newsweek", den er in ein Motelzimmer irgendwo im Mittelwesten bestellt hat, könne er mit Symbolismus und Metaphern volltanken: "Wenn du aber so ein Buch schreibst, mußt du die Wahrheit sagen." Die Dylanologen werden die nächsten Monate und Jahre damit beschäftigt sein herauszufinden, ob der Mann, der bislang die Wahrheit in verrätselte, magisch schillernde Kostüme steckte, das nun auch getan hat. Gates scheint jedenfalls nicht daran zu zweifeln, und auch der Vorabdruck, in dem Dylan gegen die Zumutungen des Ruhms, die Bürde des Prophetentums wettert und den ihm aufgedrängten Mantel des Messias, des Retters der Musik und der Welt zum Teufel wünscht, läßt zumindest an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
„Gewissen seiner Generation“
Mit dem Titel "Chronicles" bekennt er sich aber als wiedergeborener Christ zu seiner sicher nicht nur musikalischen Mission. Das könnte der unvoreingenommene Leser denken und erwiese sich so als einer jener Exegeten, über die Dylan seine jahrzehntelang gesammelte Rage kippt. Er wollte nie, wie sie von ihm verlangten, als „Mundstück“ oder „Sprecher“ oder gar als „Gewissen seiner Generation“ zu dienen haben. „Das kam mir bloß lustig vor“, schreibt er. „Ich hatte immer nur Songs gesungen, die total geradlinig waren und starke neue Wirklichkeiten formulierten. Mit einer Generation aber, deren Stimme ich sein sollte, hatte ich sehr wenig gemein, und noch weniger wußte ich von ihr.“
Nach soviel selbstenthüllender Empörung ist kein neues Dylan-Bild fällig - es bestätigt sich vielmehr das alte. Denn wer könnte es dem Künstler übelnehmen, wenn er nicht mit dem Ruf "Nehmt ihn, er gehört euch!" vor die Masse geschubst werden will. Das ändert freilich nichts daran, daß er, ungewollt oder nicht, doch für sie spricht. Dylans Wunsch, nur sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen zu müssen, kollidierte mit der Magie seiner Verse. Da ist weiterhin guter Rat teuer, und auch die "Chroniken", in denen er seine Sehnsucht nach einem stinknormalen Allerweltsleben herausschreit, werden ihm keinen Ausweg aus dem Dilemma bieten.
"Ich hatte keine Ahnung, was ich tat"
Im Zenit seines frühen Ruhms fühlte er sich als Spielball einer Verschwörung, die seinen innigsten Wunsch vereitelte, nämlich nur seiner Familie gemäß zu leben, in einem Haus mit weißem Holzzaun und rosaroten Rosen im Hintergarten. So sah sein Wunschtraum aus. Wie er sich und uns nun erklärt, versuchte er, ihn sich mit Verweigerung zu erfüllen. Ein Vierteljahrhundert laborierte er an einem Parfüm, das seinem Träger eine lauwarme, gleichgültige, apathische Reaktion garantieren würde.
Er führte die Presse in die Irre, schien sich mal als Zionist, mal als Kunststudent neuzuerfinden, und vor allem verkleidete er sich musikalisch, immer in der Hoffnung, daß Publikum und Kritik ihr Interesse an ihm verlören. "Ich hatte keine Ahnung, was ich tat", sagt Dylan heute zu Gates. Seine Produktion aus dreißig Jahren, etwa von seiner Zeit in Woodstock bis zum Album "Time Out of Mind", das ihn 1997 wieder mitten im musikalischen Zeitstrom verankerte, will er darum in einer "künstlerischen Abwärtsspirale" sehen. Gates schweigt dazu und erinnert sich lieber stumm an all die Alben, die ihm auch aus diesen Jahren teuer sind.
Wut und Frust
Die Fans werden nicht so leicht zum Schweigen zu bringen sein, nicht einmal vom Meister selbst, der damals krank darüber war, was aus seinen Versen herausgelesen und wie er zum "Big Bubba of Rebellion" gesalbt wurde, zum "High Priest of Protest", "Czar of Dissent", "Duke of Disobedience", "Leader of Freedom", "Kaiser of Apostasy", "Archbishop of Anarchy" und, last and vielleicht least, "Big Cheese". Allein die Liste, nur im Originalton richtig zu genießen, gibt eine Vorstellung von Wut und Frust, die Dylan, der durchaus damit einverstanden wäre, lediglich als Legende oder Ikone tituliert zu werden, bis heute in sich trägt.
Seine Empfehlung an die Welt, sie solle ihn nicht als "Rattenfänger", sondern als schlichten "Kuhhirten" begreifen, wird indes kaum auf offene Ohren stoßen. Eher schon werden sein Bekenntnis "Ich tue jetzt, was ich tun will" und seine Ankündigung, viele seiner alten Songs "mit der richtigen Struktur" neu aufzunehmen, die Erwartungen des Publikums abermals schüren. Die "Chroniken", denen er im übrigen jede biblische Konnotation abspricht, könnten darum auch, wie Gates mutmaßt, Dylan von seiner wahren Berufung abgelenkt haben. Drei Jahre lang immerhin hat er sie in eine vorsintflutliche Schreibmaschine getippt, exklusiv in Großbuchstaben, damit sein Assistent sie leichter übertragen konnte. Das Typoskript stünde also im aparten Kontrast zu seinem Prosawerk "Tarantula", das er 1966 strikt in Kleinschrift drucken ließ.
„Lebende Kultfigur“
Nicht nur "Tarantula" begleitet jetzt in Neuauflage den ersten Band der "Chroniken". Im Verlag Simon & Schuster ist auch eine aktualisierte Ausgabe von Dylans "Lyrics" erschienen, und bei Scribner werden sich Schriftsteller wie Jonathan Lethem und Sam Shepard für "Studio A" zusammentun, eine Sammlung von Hommagen an den Künstler, den Gates sicher nicht allein zur "einflußreichsten lebenden Kulturfigur" ernannt hat. Wie einflußreich er tatsächlich ist, hat kürzlich erst der britische Literaturkritiker und Oxforder Poetikprofessor Christopher Ricks vorgeführt, der in seiner umfangreichen Studie "Dylan's Vision of Sin" zum Vergleich Milton, Keats, Tennyson und Eliot heranzieht. Dylan besteht den Hochkulturtest.
Wer in den "Chronicles" nach Hintergründen zu Dylans legendärem Motorradunfall, zu seiner Scheidung und seiner Konversion zum evangelikalen Protestantismus sucht, wird nicht fündig werden. Vielleicht füllen die kommenden Bände solche Lücken. Aber sollten wir wirklich darauf warten, daß sich das Rätsel Dylan höchstpersönlich vor unseren lesenden Augen löst? Wieviel aufregender sind doch Aussagen wie: "Der Unterschied zwischen mir jetzt und mir damals ist, daß ich damals Visionen hatte. Jetzt kann ich nur Träume träumen." Also gut, hier die Erläuterung: "Was du in den ,Chronicles' siehst, das ist ein Traum. Es ist schon passiert."