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Bob Dylans „Basement Tapes“ : Watergate oder Waterloo

Der Messias trägt bekanntlich leichtes Schuhwerk: Bob Dylan, 1967 in der Nähe von Woodstock. Bild: Elliot Landy

Es ist soweit. Bob Dylans „Basement Tapes“ sind nun mit Vol. 11 der „Bootleg Series“ komplett ediert. Die Sammlung umfasst insgesamt 138 Lieder - doch lohnte sich die Mühe?

          Dass es mit Bob Dylan nach den alles in den Schatten stellenden Platten „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ (1965/66) überhaupt noch weitergehen könnte, konnte sich damals kaum jemand vorstellen; Dylan selbst wohl am allerwenigsten. Er hatte sich mit dieser Trilogie, die der Rockkritiker Greil Marcus in notorischer Großspurigkeit, aber eben auch nicht völlig danebenliegend zu den „intensivsten Ausbrüchen in der Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts“ rechnet, komplett verausgabt und war, auch von den Anfeindungen aus dem Lager der reinen Folk-Lehre, chronisch erschöpft; der Kollege Phil Ochs fürchtete sogar um Dylans Leben. Zum Glück, darf man im Nachhinein vielleicht sagen, hatte Dylan am 29. Juli 1966 diesen Motorrad-Unfall, der ihm den Rücken zunächst kaputtmachte, dann aber vor allem freihielt - das Untertauchen bedurfte keiner weiteren Erklärung mehr.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die erste Platte nach dieser, wie alles andere, sofort mystifizierten Phase war „John Wesley Harding“ vom Dezember 1967, unüberhörbar ein Moment der Restauration, ja, Reaktion. Dass zuvor noch etwas ganz anderes entstanden war, wusste man damals noch nicht. Es waren die „Basement Tapes“, benannt nach dem Keller jenes pinkfarbenen Hauses in West Saugerties, New York, in dem Bob Dylan und The Band (Robbie Robertson, Levon Helm, Garth Hudson und Rick Danko; Levon Helm wollte nicht) zwischen Juni und Oktober 1967 mit mangelhafter Technik mehr als einhundert Lieder aufgenommen haben.

          Aus dem Ärmel geschüttelt

          Sie sollten Geschichte schreiben, und zwar nicht erst im Zeitalter historisch-kritischer Ausgaben, sondern unmittelbar, nachdem die Sache ruchbar geworden und schon im Sommer 1969 eine erste Bootleg-Platte (angeblich die erste der Rockgeschichte) davon erschienen war, wie es heißt, in einer verkauften Auflage von 350 000 Stück. Welche Kraft in dem Material steckte, wurde aber schon 1968 beim Plattendebüt „Music From Big Pink“ von The Band deutlich, diesem Gründungsdokument des Country- und Folkrock, das in Gestalt von „Tears of Rage“, „This Wheel’s on Fire“ und „I Shall Be Released“ drei maßgebliche Co-Kompositionen in anderen Fassungen, nämlich mit dem minderwertigen Band-Gesang, enthielt. Seither fragte man sich: Woher hat Dylan das, wie kommt er dazu, so etwas zu schreiben? Der Mitspieler Robbie Robertson: „Er schüttelte diese Songs einfach so aus dem Ärmel.“

          Jenseits auch der gleichsam offiziellen Geheimniskrämereien, die vom „Rolling Stone“-Herausgeber Jann S. Wenner bald darauf angefacht und dann von Greil Marcus breitgetreten wurden, war spätestens 1975, als Columbia Records 24 Lieder der „Basement Tapes“ unter dem nämlichen Titel offiziell auf den Markt brachte, offensichtlich, dass es sich hierbei um ein gewichtiges Zeugnis Dylanscher Traditionsbesinnung handelte, das auf unterirdischen Wegen die Rockmusik in eine andere Richtung bugsierte.

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