20.04.2007 · Mittlerweile stehen auch junge Mädchen in Chucks zwischen den alternden Haarproblematikern und finden es überhaupt nicht komisch, dass der kauzige Herr auf der Bühne so komisch singt. Bob Dylan ist wieder auf Tour und spielt so cool wie lange nicht.
Von Eric PfeilDa ist ein Jeanskombi-Träger mit Glatze, der sich seinem Gesprächspartner lautstark ins Ohr wundert, dass so selten über Dylans jüdische Wurzeln diskutiert würde. Ein paar Meter weiter vorne vor der Bühne berichtet ein Jerry-Garcia-Ähnlichkeitswettbewerbsverlierer begeistert einigen umherstehenden Englischlehrern, dass er kürzlich im Internet Dylan-Wein bestellt habe. „Robbie“, brüllt ein angetrunkener Selbstdrehertyp nach Robert Allen Zimmermann; zwei junge Hipster-Burschen in engen Hosen und mit Schnösel-Schals mustern ihn, peinlich berührt.
Alle sind sie bis über beide Ohren verstrickt in die Geheimwissenschaft Bob Dylan, die einen den Verstand kosten kann wie jede allzu ernst genommene Lehre. Allerdings muss man all ihren Vertretern Respekt dafür zollen, dass sie auch in jenen Jahren treu auf Dylan-Konzerte gepilgert sind, als dieser komplett den Faden verloren hatte. Mittlerweile stehen auch junge Mädchen in Chucks zwischen all den alternden Haarproblematikern und finden es offenbar überhaupt nicht komisch, dass der kauzige alte Herr da oben auf der Bühne eine so sonderbare Stimme hat.
Fast schon chaplinesk
Dann wird es dunkel in der Düsseldorfer Phillipshalle, die Fanfare ertönt, und eine selbst schon legendäre Ansage kündigt den berühmtesten Rockstar der Welt an: „Please welcome the poet laureate of Rock 'n' Roll . . .“ und so weiter. Und dann steht er da, und - man muss schon schlucken, dass man das noch mal erleben darf - spielt nach mehreren, angeblich gesundheitsbedingten Jahrgängen hinter der Orgel tatsächlich wieder Gitarre. Er sieht großartig aus, wie immer, seit er diesen louisianischen Barmusikerlook für sich entdeckt hat: unnahbar, dabei aber irgendwie lustig, fast schon chaplinesk. Auf jeden Fall so cool wie seit 1966 nicht mehr, als er das, was wir heute als Coolness kennen, eben erst überhaupt erfunden hatte.
Er trägt einen schwarzen Anzug und einen hellen Hut, seine fünfköpfige Band helle Anzüge und dunkle Hüte. Zusammen sehen sie aus wie eine betagte Südstaatenkapelle mit exzentrischem Anführer - und klingen auch exakt so: Sie starten mit „Cat's in the Well“, und da ist er direkt, dieser rumpelig-robuste Sound, mit dem er sich in den letzten Jahren als Live-Künstler gefangen hat. Tony Garniers Bass tänzelt, und Danny Freeman und Stu Kimball, die beiden tollen Gitarristen, sehen wieder mal aus, als hätten sie eben erst eine Leiche verschachert. Als Nächstes stolpern alle zusammen in eine schöne Version von „Don't Think Twice, It's All Right“, die sich so nah am Original bewegt, wie es bei Dylan eben möglich ist. Der versucht zwischendurch sogar so etwas wie ein Solo, wobei sich seine Gitarre als ebenso launisches Instrument erweist wie seine mal niedliche, mal grollende Unkenstimme. Bei den neueren Songs vom Album „Modern Times“ klingt er tatsächlich genauso packend wie auf der Platte - wie ein greiser Griesgram am Mississippi, aus dessen Garten sich die Kinder nicht trauen würden, Äpfel zu klauen.
Dylan tanzt, wenn er Orgel spielt
Längst hat Dylan wieder rüber ans Keyboard gewechselt, wo er sich inzwischen deutlich wohler zu fühlen scheint; erst hier wird er zum Teil der Band, der seine Musiker mit kleinen Halsdrehungen, hochgezogenen Augenbrauen oder einem kurzen Nicken dirigiert. Es gehört mittlerweile zu den Hauptattraktionen eines Dylan-Konzertes, ihm bei seinem Körpereinsatz an der Orgel zuzusehen: Es ist ein einziges Krümmen, Buckeln, Nach-oben-Schießen und Hakenschlagen. Dylan tanzt, wenn er Orgel spielt, und er tanzt sehr lässig. Ab und an meint man sogar, ihn lachen zu sehen, dabei zieht er nur nach jeder Gesangszeile die Mundwinkel so weit nach oben, wie es nur eben geht - ein Manierismus, den er sich bereits in den Sechzigern angewöhnt hat.
Den letzten Höhepunkt gibt es ganz am Ende nach der Zugabe: Wie jedes Mal versammeln sich Dylan und seine Band nebeneinander am Bühnenrand, das Saallicht geht an, und ohrenbetäubender Jubel ertönt. Doch keiner verbeugt sich, sie stehen alle einfach nur da. Dylan, in der Mitte, lässt den Blick übers Rund gleiten und nickt leicht tatterig, während er diese leicht genervte Schnute zieht. Und nickt und nickt. So sagt ein Kauz „danke schön“.