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Bob Dylan Immer ein anderer und immer sich treu

07.05.2006 ·  Im Juni 1984 kam Bob Dylan auf den Bieberer Berg. 1987 trat er in der Festhalle Frankfurt auf. Am Donnerstag beginnt in der Stadt ein Kongreß, der nach den Spuren des Rockpoeten sucht - in Kunst, Gesellschaft und in den Köpfen.

Von Peter Kemper
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Der Mann hat es nicht leicht: Speziell in Deutschland darf er nicht alt werden. Hier, wo seine Songs „Masters Of War“ oder „A Hard Rain's A-Gonna Fall“ zum festen Sing-Along-Repertoire der Ostermärsche in den Sechzigern zählten, wo „Blowin' In The Wind“ mittlerweile zum Lehrstoff des Religionsunterrichts gehört, wird Bob Dylan in der breiten Öffentlichkeit wie ein ewiger Berufsjugendlicher behandelt. Man erinnert sich an ihn vor allem als Protestsänger, hat vielleicht noch seinen skandalösen Wechsel zum elektrifizierten Rock 'n' Roller auf dem „Newport Festival“ 1965 im Hinterkopf. Irgendwo zwischen „Like A Rolling Stone“ und „The Times They Are A-Changin'“ ist sein wetterfestes Image angesiedelt.

Die Lieder seit den Siebzigern werden in der Regel mit milder Nachsicht behandelt: „Tja, Bob Dylan. Der lebt zwar noch, aber seine Kreativität hat seit den Sechzigern doch stark nachgelassen.“ Allenfalls die Alben „Blood On The Tracks“ von 1975 und „Time Out Of Mind“ aus dem Jahr 1997 scheinen demnach aus den vergangenen drei Dekaden noch als hörenswerte Belege für künstlerisches Stehvermögen zu taugen.

Das Faszinosum Dylan

Doch eine solche Sichtweise verkennt das Wesentliche des ungebrochenen Faszinosums „Dylan“: Kein anderer Sänger oder Musiker im Pop-Kosmos kämpft seit mehr als 40 Jahren so unerbittlich um seine künstlerische Integrität. Kein zweiter Singer/Songwriter hat im Laufe der Jahre so viele unterschiedliche Masken ausprobiert: vom traditionsbesessenen Folksänger und Protest-Barden über den psychedelisch infizierten Rockstar, den christlich inspirierten Prediger, den Blues-Archivar, entspannten Country-Gentleman und Swing-Sucher bis zum postmodernen Dekonstruktivisten des eigenen Werks. In immer neuen Anläufen erfindet Dylan seine Identität - ob im Resonanzraum seiner Stimme oder in den Konzerträumen seiner „never ending tour“. Getreu der Devise Rimbauds: „Ich ist ein anderer!“

Wer heute ein Dylan-Konzert besucht, ist überrascht, eine Menge junger Leute unten den Besuchern zu entdecken. Was interessiert die Kinder von Techno, Rap und Hip-Hop an diesem alten Mann? Es ist die ungebrochen „jugendliche“ Haltung Dylans - die Kids sprechen von „attitude“. Ähnlich wie Johannes Paul II. wegen seiner Standfestigkeit und konsequenten Widerborstigkeit gegen den moralischen Mainstream für hedonistisch erzogene Heranwachsende eine Kultfigur wurde, so ist der Sänger (der dem damaligen Papst im September 1997 auf dem Welt-Eucharistie-Kongreß vor Tausenden begeisterter Jugendlicher unter anderem mit „Knockin' On Heaven's Door“ ein bewegendes Ständchen brachte), ob seines stoischen Eigensinns eine Identifikationsfigur für junge Menschen mit ihren Sehnsüchten.

Nie allgemeine Erwartungen erfüllt

Niemals in seiner Karriere hat Dylan sich nämlich mit den Erwartungen des Mainstreams, mit den Moden und Maschen des Pop-Marktes gemein gemacht. Selbst auf die Gefahr hin, langjährige Fans und Weggefährten ein ums andere Mal vor den Kopf zu stoßen, ist er der „Trickster“ einer nicht enden wollenden Selbsterfindung geblieben.

Kein Wunder, daß solche gelebte Dissidenz bei jungen Leuten gut ankommt, bietet die Popszene als zunehmend hegemoniales System mit ihren „corporate identities“ doch immer weniger Möglichkeiten der Selbstvergewisserung durch Unterscheidung. Bob Dylan dagegen verkörpert geradezu diese Differenz zu sich selbst.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.05.2006, Nr. 18 / Seite R1
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