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Bob Dylan Die Hyperreligion namens Folk

21.03.2011 ·  So hält er's mit dem Metaphysischen: Auf einer Münchner Tagung wurde das Phänomen Bob Dylan unter allen Aspekten seiner Kunst und seiner Spiritualität in die Zange genommen. Eine schöne Einstimmung auf den siebzigsten Geburtstag der Folk-Legende.

Von Edo Reents
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„Er war da.“ Er war natürlich nicht da. Doch Armin Riedl, Moderator einer kleinen, aber feinen Münchner Bob-Dylan-Tagung, zog trotzdem ein zutreffendes Resümee, indem er am Ende die gespensterhafte Anwesenheit des Gegenstands beschwor. Dylan lebt jetzt nicht nur in seinem Spätwerk, sondern auch in der Deutung seiner Kunst, die in dem Jahrzehnt seit seinem sechzigsten Geburtstag zu einer akademischen Disziplin geworden ist. Wo einst Schriftsteller den Ton angaben, melden sich inzwischen Professoren zu Wort.

Man mag darin das im Grunde ja überflüssige Bemühen sehen, Dylan und damit die Popmusik als solche adeln zu wollen; aber dagegen, dass dieser Musiker den interpretatorischen Ehrgeiz und den hermeneutischen Spürsinn verschiedenster Fraktionen herausfordert, kann man eigentlich nichts sagen. Dylan selbst machte sich über manche Beflissenheit schon lustig, hat die wissenschaftliche Befassung mit seinem Werk aber akzeptiert, vermutlich im Bewusstsein seines einzigartigen Erfolgs - es ist ja nicht so, dass die Welt seine Lieder, in die er T.S. Eliot und Ezra Pound, Shakespeare und Rimbaud eingeschmuggelt hat, wegen vermeintlicher Unverständlichkeit ignoriert hätte.

Eine Stimme wie eine Auster

In München pirschte man sich an die Trias „Songpoet, Idol, Prophet“ heran, wobei niemand darauf einging, dass Dylan selbst immer nur die erste Zuschreibung akzeptiert hat. Sehr wesentlich kreiste das Kolloquium um zwei Epochen: zum einen das eine gute Jahr 1965/66, als Dylan in einem bis heute unbegreiflichen produktiven Schub drei Platten herausbrachte, welche die Rockmusik in eine andere Umlaufbahn geschossen haben (“Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“); zum anderen die immer noch unterschätzte Gospelphase um 1980, in der die Konversion des Juden zu den wiedergeborenen Christen verarbeitet wurde.

Dass in den Vorträgen die religiösen Ober-, Zwischen- und Untertöne überwogen, mag dem genius loci (der Katholischen Akademie) zu verdanken gewesen, kann aber auch reiner Zufall sein. So wurde Dylan unter den Aspekten seiner Literarizität und Spiritualität doppelt in die Zange genommen, mit Ergebnissen, die sich zwar widersprachen, aber damit auch Dylans enorme Ausdeutbarkeit absteckten. Der Münchner Kritiker, Radiomoderator und Hörspielregisseur Karl Bruckmaier, seit drei Jahrzehnten einer der originellsten Dylan-Kommentatoren, nahm eine Wurzelbehandlung vor und beschwor den Musiker als Proto- und Archetyp einer bis in den Blues der zwanziger Jahre hinabreichenden amerikanischen Tradition, die schon im ganz jungen Dylan ihren fast unverschämt selbstbewusst zur Schau getragenen Hallraum gefunden habe - mit einer Stimme wie eine Auster: erlesen, aber gewöhnungsbedürftig.

Unberechenbarer Surrealismus

Dylans Rang und Einzigartigkeit aber bestünden darin, dass er seine staunenswert frühreife Imitation (schwarzer) Vorbilder sehr bald in etwas Eigenes überführt habe. Dylan habe die „Strategie der Identitätsverweigerung“ miterfunden und mit seinem eigenen Kanon den „Urmeter“ der Popmusik gelegt, an dem die Singer und Songwriter bis heute zu knabbern hätten: „Bob Dylan, der jüdischstämmige, fundamental-christliche Country-Punk, der in jedem Interview anders lügt, der Unterwäsche-Werbung vertont, Weihnachtsplatten macht und vor dem Papst auftritt, ohne ein Problem mit sich selber zu haben. Aber auch: ohne einem anything goes zu verfallen, das immer wieder mit Pop verwechselt wird.“

Anders als Bruckmaier, der es bezweifelt hatte, dass Dylan „ein großartig belesener Mensch ist, ein Intellektueller“, führte der Mainzer Literaturwissenschaftler Dieter Lamping diesen anhand der Songs „Desolation Row“ und „Bob Dylans 115th Dream“ (beide 1965) vor als „literarisch ambitionierten Songschreiber, dem die moderne Lyrik durchaus geläufig war“. Dylan habe sich Pound, Eliot, Fitzgerald, Rimbaud, Verlaine, Brecht und viele andere aber nicht etwa bloß gelehrig angeeignet, sondern in der frühzeitig erreichten ironischen Distanz auch verspottet und den Realismus seiner allerersten Platten durch einen unberechenbaren Surrealismus abgelöst: „der erste und erfolgreichste Troubadour dieser Art“.

Strategie der Zeitaufhebung

Immer wieder und zu Recht wurde das Unterwegssein bemüht, das Dylan nicht nur in seinen Liedern thematisiert, sondern auch quasi persönlich verkörpert. Der Musikwissenschaftler Richard Klein bezeichnete die Gospelphase, die sich in drei Platten niederschlug, nach der Elektrifizierung 1965 als „Dylans zweiten Skandal“. Wieso Skandal? Sie wird bis heute und neuerlich wieder von Klaus Theweleit (gerade erschienen: „How Does It Feel? Das Bob-Dylan-Lesebuch“) als bedauerliche Verirrung abgetan. Klein gestand den auf Erweckung zielenden Liedtexten, die sich von der narrativen Brillanz derer von 1965/66 in der Tat himmelweit unterscheiden, zwar „ideologische Militanz“ zu, beharrte aber darauf, dass diese Wende künstlerische Gründe hatte: Auch „im religiösen Fundamentalismus herrscht der Geist der Verweigerung“, die in Dylans nun sehr forciertem, bis zur totalen Selbstentblößung gehendem Gesang ihren Ausdruck finde: „Aggression, Kraft, Besessenheit“ befeuerten ein „sehr freies Gebet“.

So wohltuend es war, dass Klein die Klischees beiseiteschob, die den Blick auf diese musikalisch unvermindert großartige Phase oft genug verstellten - seine Analyse von Dylans Strategie der Verzeitlichung und Zeitaufhebung, die in der never ending tour auch ihren strukturellen Ausdruck finde, ging etwas zu glatt auf und unterschlug, dass Dylan nach der Gospelphase für ein komplettes Jahrzehnt auf der Bühne wie im Studio Musik machte, die eine gleichsam metaphysische Überhöhung, wie Klein sie konsequent betrieb, weder braucht noch verdient hat.

Popkultur als Selbstermächtigung zur Freiheit

Anspruchsvoll schloss der Frankfurter Theologe Knut Wenzel Dylans Religiosität mit der werkbeherrschenden Idee des Landstreichertums kurz, die im hobo Laut gibt. Dylan erschien in dieser Les- und Hörart weniger als Sprachrohr und Projektionsfläche einer „bedrängenden Gewissheitshysterie“, sondern als Musiker, der auch in den Momenten der Gospelekstase den zumindest vom Christentum geforderten Identitäts- und Selbstverlust als Zumutung zurückweise und deswegen als Stifter einer absolut freien, an keine bestimmte Religion, Konfession und Institution gebundenen Hyperreligion zu verstehen sei. Deren Name aber sei - „Folk“.

Diese Tradition hat Dylan nun ganz gewiss nie verlassen. Wenn aber Dylans Freiheitsstreben religiöse Züge trägt, dann schloss sich hier ein Kreis der Tagung, die übrigens am 22. Mai, zwei Tage vor dem siebzigsten Geburtstag des Meisters, auf Bayern Alpha gesendet wird: Karl Bruckmaier hatte die Popkultur als „Selbstermächtigung zur Freiheit“ definiert. Seien also auch wir so frei und haben jeder unseren eigenen Dylan.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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