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Blumfeld in Frankfurt : So sind wir denn in guten Händen

Wie hält er’s mit der Ironie? Jochen Distelmeyer hat der Jugend und und den in die Jahre Gekommenen nach wie vor etwas zu sagen. Bild: Kretzer, Michael

Seine Jugendsprache ist etwas in die Jahre gekommen, aber dieser Diskurs-Pop funktioniert noch: Jochen Distelmeyer und die Band Blumfeld geben in Frankfurt ein Konzert mit Patina.

          Muss das schon wieder mit der Ironiefrage beginnen? Man kommt bei Blumfeld einfach nicht um sie herum, und die größte liegt schon vor dem Konzert auf der Hand: Dass ausgerechnet diese Band bei dem kommerziellen Nostalgie-Zirkus mitmischt, der dauernd die „20th Anniversary Edition“ von irgendeinem Album auf den Markt spült und manchmal auch noch eine Wiederaufführungstournee nach sich zieht – ist das ernst gemeint?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Und wie steht es mit Jochen Distelmeyers Versuchen in teils nicht mehr ganz taufrischer Jugendsprache? Verkündete er doch schon vorab im Nostalgie-Interview mit der Musikzeitschrift „Spex“, deren Geschichte mit der der Gruppe eng verwoben ist, dass ihm die Lieder des 1994 veröffentlichten Albums „L’État et Moi“ noch immer sehr „fresh“ und aktuell vorkommen, „formalmusikalisch wie inhaltlich, und deshalb macht das alles auch gerade totalen Bock“.

          Nostalgie des Schmerzes

          Als das Saallicht dem Blumfeld-Sänger zum ersten Mal das Publikum zeigt, das hier zum Reunion-Konzert sieben Jahre nach der „Abschiedstournee“ der Band in die Frankfurter „Batschkapp“ gekommen ist, findet er das sogar „fett“, noch lieber benutzt er an diesem Abend aber das Wort „stark“, das schon eher zur Generation des Publikums passen dürfte. Dann auch noch das vom Band eingespielte Hubschraubergeräusch, mit dem das Album ja beginnt – „Möglicherweise hatte es irgendwas mit ,Apocalypse Now‘ oder Stockhausen zu tun“ (Distelmeyer) –, das in Drohnenzeiten aber auch schon fast niedlich altmodisch wirkt: lauter Ambiguität also schon zu Beginn. Aber dann kommt die Musik und löst sie auf.

          Sie schmeißt einen mit der flächigen, an einen stark gedrosselten Rotor erinnernden Gitarrenakkordfolge von „Draußen auf Kaution“ in ein Zeitloch, bis die Stimme anhebt: „Vor meinem Fenster fängt es an, sich zu bewegen“. Das ist das Erste, was einen umhaut: Jochen Distelmeyers Stimme kann so unschuldig klingen, dass an seiner Ernsthaftigkeit kein Zweifel besteht: „Das Stechen im Kopf, das Stechen im Herz“, sie treiben das lyrische Ich immer nur „tiefer ins Alleinesein“. Es ist eine Nostalgie des Schmerzes, die hier wieder auf die Bühne kommt.

          Nicht nur textlich stark

          Man kann auch gleich an diesem Lied schon eine lyrische Eigenart festmachen, die für Blumfeld so prägend ist: die Montage ganz verschiedener literarischer Stile und manchmal auch direkter Zitate auf engstem Kollisionsraum. Aus dem Alltag vor dem Fenster ragt dann plötzlich Romantik heraus, aus dem modernen Schmerz eine Zeile, die zwischen Matthias Claudius und Dietrich Bonhoeffer schwebt: Wenn nämlich zu diesem einsamen Ich sich ein tröstendes anderes gesellt, dann singt Distelmeyer: „So bin ich denn in dessen guten Händen.“

          In guten Händen ist auch seine Gitarre. Eine Wiederbegegnung mit der Kernzeit der „Hamburger Schule“ und ihrem Umfeld ist auch eine gute Gelegenheit, sich einmal zu erinnern, dass sie eben längst nicht nur ein Textphänomen war. Sondern sie hat auch mehrere Gitarristen mit einem sehr eigenen Stil hervorgebracht; sobald man das einzigartige Eröffnungsriff von „2 oder 3 Dinge, die ich von Dir weiß“ nun wieder hört, ist klar: Jochen Distelmeyer gehört auch dazu.

          Ironie und aufrichtige Trauer

          Das Ineinandergreifen von Distelmeyers Spiel, André Rattays Schlagzeug und Eike Bohlkens Bass funktioniert noch wie geölt. Bohlken, der Blumfeld 1996 zugunsten der Wissenschaft verlassen hatte, sagte, dass sich der Körper an die Musik erinnere. Das sieht und spürt man, wenn die Band mit dem harten Diskursrock von „Eine eigene Geschichte“ dem Publikum voll auf die Zwölf gibt. Distelmeyer, der, stillstehend, heute androgyner denn je aussieht, manchmal fast schon bowiehaft, wirkt in der Bewegung dann plötzlich wie ein Boxkämpfer, der die Runden der einzelnen Songs hochkonzentriert angeht und kämpferisch die Faust ballt, wenn er mit dem Ergebnis zufrieden ist.

          Die Frage, ob „L’État et Moi“ denn wirklich ein Ausnahme-Album war, das aus der Rückschau eine besondere Würdigung verdient, ist dann spätestens nach „Evergreen“ beantwortet: Denn emblematisch verkörpert der Song wie das ganze Album jene Balance zwischen Diskurs und Gefühl, mithin auch eine Balance zwischen den harten Attacken des Debüt-Albums „Ich-Maschine“ (1992) und den später so viel diskutierten weicheren Worten und Melodien von „Old Nobody“ (1999) bis zu „Verbotene Früchte“ (2003).

          Androgyn wie Bowie: Jochen Distelmeyer, der Mann mit der jungenhaften Stimme
          Androgyn wie Bowie: Jochen Distelmeyer, der Mann mit der jungenhaften Stimme : Bild: Kretzer, Michael

          Und diese Balance ist auch über die Bandgeschichte hinaus beachtlich: Betrachtet man andere Diskursbands wie Die Goldenen Zitronen und Ja, Panik, dann wird man kaum eine finden, die bei allem wütenden und kritischen Impetus doch noch so zu rühren vermag. Der Witz des Abends ist, dass diese Rührung – nachdem die Band dann auch noch einiges neuere Material als Zugabe gespielt hat, ausgerechnet bei dem tiefschwarzen – Blumfeld-Signaturstück „Verstärker“ gelingt, das im Original knarzt, fiept und kracht, während Distelmeyer Zeilen singt wie „Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg“.

          Das Gitarrenriff hat er leicht verändert, so dass es irgendwie federnder klingt (damit verdichtet sich der bislang leicht verschämte Eindruck, dass „Verstärker“ sich etwa zwischen Daft Punk und den Red Hot Chili Peppers ganz hervorragend zur Morgen-Aerobic eignet); aber noch interessanter ist die Veränderung am Ende des Stücks und damit auch des Abends: Da montiert Distelmeyer nämlich wieder ein bisschen. Über die Blumfeld-Akkorde singt er Zeilen aus einem alten Cole-Porter-Song: „Ev’rytime we say goodbye I die a little“, und man erinnert sich, dass er genau das auch schon bei der Abschiedstournee von 2007 getan hatte.

          Wieder so ein ironisches Zwinkern also, welches sagt, dass Blumfeld sich womöglich noch öfter auflösen und dann wiederkommen werden, aber gesungen mit dieser jungenhaften Stimme, die den Abschied aufrichtig traurig erscheinen lässt.

          Quelle: F.A.Z.

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