Home
http://www.faz.net/-gsd-utjv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Blumfeld“ auf Abschiedstour Der Lotse geht von Bord

13.04.2007 ·  Die Hamburger Band „Blumfeld“, seit ihrer Gründung im Zentrum des Popdiskurses, löst sich auf und geht auf große Abschiedstour. Eine Werkschau mit Raritäten gibt Anlass zur Frage: Was waren „Blumfeld“?

Von Doris Achelwilm
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Als Ende Januar offiziell wurde, dass „Blumfeld“ nach sechzehn Jahren aufhören, war die Anteilnahme groß. Der Popdiskursbetrieb, den die Hamburger Band seit jeher auf Trab gehalten hat, widmete sich diesem Ende mit danksagenden Grüßen, epiphanischen Nachrufen und seitenlangen Dossiers. Das immer wieder an sie herangetragene Soll an Relevanz scheinen „Blumfeld“ demnach selbst mit ihrem Abschied erfüllt zu haben: Wer von „Blumfelds“ verlässlicher Bedeutungsstiftung noch konditioniert ist, rätselt nun, inwieweit auch dieser Schlussstrich darüber hinausweist, dass sie ihr Werk nach sechs Alben schlichtweg gut sein lassen.

Hatte das öffentliche Persönlich- und Auseinandernehmen ihrer Lieder sie schließlich doch müde gemacht? Mochten sie den jährlich schneller werdenden Verwertungszyklen der Medien und Musikkonsumenten, den Erwartungshaltungen nicht mehr folgen? Auch die Frage, ob sich mit dem Ende von „Blumfeld“ die gesellschaftliche Dimension von Pop allgemein weiter verringert, kam nicht wenigen berechtigt vor. Wo „Blumfeld“, da Politikum.

Präzision und Unnachgiebigkeit

Gelassener verhielt sich nur die Band selbst: Auch im Gespräch wiederholte Jochen Distelmeyer, Gitarrist, Sänger und Texter der scheidenden Rockgröße, den schon in der Pressemitteilung lapidar klingenden Grund, dass der Abgang eine rein künstlerische Entscheidung sei, weil die Sache „Blumfeld“ vollständiger nicht werden könne. Was bleibt, ist damit ein Werk, das als Folgerichtigkeit, als zu Ende gedachtes Bild erst noch zu erschließen ist.

Von dieser Kontinuität war anfangs kaum auszugehen. Zunächst einmal herrschte „Gettowelt“. Jochen Distelmeyer, von seinem ostwestfälischen Wirkungskreis um das Plattenlabel „Fast Weltweit“ nach Hamburg gezogen, musizierte mit diesem Debütstück gegen falsche Freunde an, die für bürgerliche Ordnung werben, forderte Mauern, um sich diese Zugkräfte vom Leib zu halten. Die Gitarre klang nach dem schneidenden Eisenblech, das auch Dissonanzkünstler wie „Sonic Youth“ zu nutzen wissen, die sich so intuitiv wie intellektuell vermittelnde Haltung war geprägt durch Präzision und Unnachgiebigkeit.

„Mein System kennt keine Grenzen“

„Blumfeld“ wurden zu Sprachschöpfern aufgeklärter Ohnmächte und Widerstandsbegehren und arbeiteten ein keineswegs leichtes, aber einleuchtendes Ich heraus, das politische Zustände, philosophische Lektüren, geschätzte Filme, die akuten Lieben eines Mittzwanzigers jederzeit zusammendachte. Dieses komplizierte Gerüst bekam dann durch das zweite Album „L'Etat Et Moi“ noch weitere Dimensionen. Der Staat und ich, ein anderer Absolutismus. Das Plattencover war als eine Ableitung des Elvis-Klassikers „50,000,000 Elvis Fans Can't Be Wrong“ zu erkennen: eine von etlichen Referenzen, mit denen Distelmeyer jenes Terrain absteckte, das er eine Stufe weiter mit entwaffnendem, paradoxem Gestus als unbestimmbar definierte.

Das Album „Old Nobody“ mit dem sprichwörtlich gewordenen Stück „Mein System kennt keine Grenzen“ erschien im Januar 1999 und leitete durch seine unzynische Softästhetik, die Komplizenschaft mit George Michael, „Münchener Freiheit“ und Kinderchor, mit dieser lichten, betont gefälligen, sanftäugigen Art eine Seitwärtsentwicklung der Band ein, die viele Getreue als empörenden Bruch empfanden, der allerdings weder als Ausschlussmechanismus noch als Rückzug ins Zart-Private gemeint war. „Old Nobody“ schwebte in die Top Ten und erschloss neue Augen und Ohren. Intern ebnete diese Freischwimmerplatte den Weg für die beiden Folgealben, mit denen sich die Arbeit am innig-stimmigen Lied (sogar Schlaflied) und an der weniger analytischen Perspektive (Wolken, Wellen und Sein statt Gesellschaftskritik) fortsetzte: „Testament der Angst“ (2001) geriet dabei eher dunkel, „Jenseits von Jedem“ (2003) hell.

Fortsetzung eines Entgrenzungsprojekts

Zu wesentlichen Irritationen kam es erst wieder, als sich das Rad letztes Jahr in Form der letzten Studioplatte „Verbotene Früchte“ weiterdrehte. Ob es durch das frohgemute Aufzählen der Kreaturen - Sommervogel, Katze, Igel, Affe, Fuchs und Nachtigall - sowie die Einführung von Minimalhelden wie dem „Apfelmann“ leidig überdreht und die popdiskursive Spitzmarke „Blumfeld“ endgültig weich und harmlos wurde oder ob man einer prinzipiell zugänglich und konkret aufspielenden Band nicht zugestehen mochte, was man bei abstrakter tönenden Musikern erfreulich eigensinnig und unvereinnahmbar findet, sei für zukünftige Überlegungen dahingestellt. Ausreichend Bedenkzeit wird es dafür ja bald geben.

Vorerst jedoch kann man in diesen Tagen mit „Blumfeld“ auf deutschlandweite Abschiedstournee gehen. Ein weiterer Kreis schließt sich mit der „Blumfeld“-Anthologie, deren erster Teil bereits als schmucke 5-CDs-Box erschienen ist und die neben den Alben auch Specials wie ein Live-Album beinhaltet: Mit „Ein Lied mehr“ führt sie die ersten drei Wörter des Debüts „Ich-Maschine“ als Titel, mit denen alles anfing. Für einen Abschied ohne lose Enden ist also weitgehend gesorgt.

Jochen Distelmeyer, der im Verlauf der Bandgeschichte zum reichlich Reibungs- und Projektionsfläche bietenden Sonderstar wurde, wird der Musiker bleiben, als welchen er sich letztgültig auch definiert. Dieses undramatische Selbstbild drückte sich zum Schluss in Stücken aus, die sich damit begnügten, „Kleines Lied“ zu heißen. Das bedeutet nicht, dass „Blumfeld“ die Ideen oder Dringlichkeiten ausgegangen sind, sondern dass sie anstatt großspuriger Illusionen den gleichermaßen unbescheidenen Anspruch haben, mit Vorstellungen von Idolhaftigkeit und mächtigen Gesten zu brechen. Wenn sich „Blumfeld“ zunehmend darauf konzentrierten, in die Natur statt in die Debatten von herrschender Politik und entsprechender Gegenkultur zu gehen, dann kann man das als Fortsetzung ihres Entgrenzungsprojekts ernst nehmen. Wenn Pop der Raum für Entgrenzungen sein soll, mit dem sich besondere Welterschließungen ins Allgemeine, Gesellschaftliche zurückvergrößern lassen, dann haben „Blumfeld“ ihn ausgelotet und somit nachhaltig bestätigt. Einen triftigeren Ausklang konnte man kaum erwarten.

Blumfeld, Ein Lied mehr. The Anthology Archives Vol. 1. 5 CDs. Blumfeld Tonträger 836122 (Indigo)

Quelle: F.A.Z., 14.04.2007, Nr. 87 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr