24.10.2006 · Die Rolling Stones verläßt man nicht freiwillig. Nur Bill Wyman ging 1993 von sich aus. Der Bassist, der hinter den Frontmännern Jagger und Richards stets die Ruhe bewahrte, avancierte nach seinem Abschied zum Archivar der Band.
Von Edo ReentsEs gibt Institutionen, die man nicht freiwillig oder, wenn es ganz schlecht läuft, noch nicht einmal lebend verläßt. Brian Jones wurde von den „Rolling Stones“ rausgeschmissen und starb kurz darauf; Mick Taylor quittierte gezwungenermaßen den Dienst, weil ihn das Leben in dieser Band aufgerieben hatte. Nur Bill Wyman ging 1993 von sich aus. Er hatte einfach genug, hauptsächlich wegen der nervenaufreibenden Wartereien während der Tourneen, und sah ganz richtig, als er die Stagnation und die damit einhergehenden Wiederholungen beklagte.
Aber die Band ließ ihn nicht los; dank seiner buchhalterischen Neigungen ist der Bassist, der im Herbst 1962 eingestellt worden war, weil er über eine taugliche Verstärkeranlage verfügte, ihr Archivar geworden. Er hat das Feld also von hinten aufgerollt, und das konnte er, weil er in mancherlei Hinsicht der erste unter den Musikern war: (natürlich) der Erstgeborene, der erste Familienvater, der erste mit einer Soloplatte (Jagger und die anderen ließen sich damit Zeit) und, wie gesagt, der erste, der die Band freiwillig verließ. Wie wichtig man ihn zumindest im nachhinein nahm, zeigt sich daran, daß sein Nachfolger bis heute keinen Bandstatus hat und wohl auch keinen mehr bekommen wird.
Solide musikalische Fähigkeiten
Es wäre nun nicht sehr ehrenvoll, wenn uns Bill Wyman nur deswegen in Erinnerung bliebe, weil er es gewagt hat, einen genialen Verbund zu verlassen. Seine musikalischen Fähigkeiten sind sehr solide, aber keineswegs einzigartig; in die Verlegenheit, selber Ideen zu produzieren, kam er nie, weil das System Jagger/Richards bestens funktionierte (wenn man nachrechnet, kommt man auf drei Bill-Wyman-Lieder im ganzen Repertoire).
Seine Leistung liegt woanders: Die Bandgeschichte „Stone Alone“, die er zu Anfang der neunziger Jahre als beachtlichen Schinken in Co-Autorschaft herausbrachte, mag von einem zu aktiver Zeit selten befriedigten Geltungsdrang beherrscht sein („Immer hatte ich alles schneller drauf als der Rest der Band.“) - Tatsache ist, daß die minutiöse Aufarbeitung den Mythos Rock 'n' Roll in seine Einzelteile zerlegte und im übrigen ein nobles Mitgefühl für den gemobbten Brian Jones äußerte, das von den anderen niemand aufbrachte. Das Leben mit den „Rolling Stones“ muß aufregend gewesen sein, war aber, wie das anderer Menschen auch, nicht frei von Ödnis und Frustration. Und ohne die zuweilen spöttische Ruhe, die Wyman ausstrahlte, wären die Frontmänner vermutlich weniger aufgefallen.
Längst geht der rüstige Rentner und Familienvater, der eine Zeitlang im „Vermischten“ stand, weil er sich mit einer Minderjährigen eingelassen hatte, seinen vielseitigen Interessen nach; er schrieb eine Biographie über Marc Chagall, kümmert sich um Archäologie, betreibt preisgekrönte Burger-Restaurants, ist wohltätig, betreut Nachwuchsbands - und macht mit erlesener Prominenz immer noch selber sehr entspannt sehr gute Musik. An diesem Dienstag wird William George Perks, wie Bill Wyman eigentlich heißt, siebzig Jahre alt.
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