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Bernd Begemann im Konzert Raum ist in der größten Lücke

17.12.2009 ·  Das reißt hin, das reißt weg: Der großartige Bernd Begemann zeigt in Frankfurt, dass er als Live-Artist und als Darbieter seiner selbst nicht zu schlagen ist - und feiert den Einzug der neuen Mädchen.

Von Patrick Bahners
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Das Konzert von Bernd Begemann & Die Befreiung im Frankfurter Club „Das Bett“ geht noch vor neun Uhr los, aber die „Pizzeria bei Nadine“ gegenüber ist schon verrammelt. Bis vor kurzem lag „Das Bett“ in Sachsenhausen, im kleinteiligen Paradies für den großen Durst. „Das Bett“ war ein schlauchartiges Zimmer, das die Intimität herstellte, die der Name versprach. Jetzt ist man ins Gallusviertel umgezogen, besser gesagt auf den Galluskontinent, der so weitläufig ist wie die Sowjetunion. Nachbarn sind die Tanzkompanie von William Forsythe und eine Druckerei der Deutschen Bahn AG, bei der man wahrscheinlich Weihnachtskarten in Auftrag geben kann, die erst im nächsten Jahr ankommen. „Das Bett“ ist nun ein zugiger Lagerraum. In Loriotschen Kategorien: Vom Modell Andante con discrezione ist man zum Modell Allegro freddo e vuoto übergegangen. Ein großer Schritt, nein, gefühlte viertausendneunhundertfünfundzwanzig für die Frankfurter Clubwanderer, ein kleiner Hüpfer für Bernd Begemann.

Ach was, ein angedeuteter Hüftendreher, er hat noch nicht einmal die Füße bewegt und „Das Bett“ schon zu seinem Reich gemacht. Bernd Begemann ist ein in jeder Hinsicht raumgreifender Künstler. Bye, bye, Bastian Sick; it’s back to the Rektoratszimmer, Peter Sloterdijk: Ihr mögt größere Säle und Taschen füllen, aber als Live-Artist, als Darbieter seiner selbst ist Begemann nicht zu schlagen. Dabei kommt er erst einmal nicht zur Sache. Das Eröffnungslied ist „Ich habe mich rasiert“, das Bekenntnis des schüchternen Jungen, der behauptet, sich wie ein Mann gefühlt zu haben, als er in den Spiegel sah. Begemanns Stimme ist so belegt, wie man sich die Hotelfrühstücksbrötchen des fahrenden Sängers vorstellt, der sich bei Nadine wohl gerne noch eine Pizza mit allem einverleibt hätte. Er zieht die Vokale in die Länge, als hätte das erstrasierte Milchgesicht unter der Schulbank ein von der Angebettelten deponiertes Kaugummi entdeckt und würde das nun mit der Zunge massieren. Die Begleitung ist ein Nieselregen. Im „Bett“ schlagen wir Nassrasierten die Mantelkragen hoch und denken uns: Das ist Balsam auf unsere Schnittwunden, das Verdruckste kann ein Intensitätsgrad sein!

Purer Übermut

Aber das war nur der Prolog. Jetzt lernen wir, was Sublimierung ist: die Verwandlung der Scham des Melancholikers in die Energie vitaler Heiterkeit. Es folgt, von der neuen Platte „Ich erkläre diese Krise für beendet“, ein Marsch, eingeleitet vom unverschämt simplen Geschepper wiederholter Klavierakkorde: „Die neuen Mädchen sind da“. Begemann besingt ein Naturereignis, das jede Universitätsstadt im Spätsommer feiert: den Einzug der Erstsemester. Das Nonchalante der Reime atmet eine Frechheit, die der Dichter mit den Objekten seiner Idealisierung teilt: „Die neuen Mädchen sind da, / und mit Stadtplänen im Haar / entstiegen sie der Bahn / oder kamen vorgefahrn.“ Sie stiegen nicht aus in Tübingen oder Wuppertal, sie entstiegen dem Regionalexpress oder dem „Auto von Papa“ wie Venus dem Meer. Lied und Vortrag sind purer Übermut; Ironiesignale können warten, bis die Mädchen alt genug sind fürs Oberseminar. Das reißt hin, das reißt weg, und man wunderte sich nicht, würde sich die Tür zum „Bett“ öffnen und Familienministerin Kristina Köhler an der Spitze eines Trupps Jungunionistinnen im Hosenanzug einmarschieren.

Begemann ist politisch, Begemann ist kritisch, Begemann lebt nicht hinterm Mond, er kommt nur von dort, aus Bad Salzuflen. Er weiß, dass Bologna nicht mehr nur für eine Nudelsauce steht. Darum kommt nach der Erstsemesterparty der Klassiker „Judith, mach deinen Abschluss“. Ob die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn wohl von einem Begemann-Konzert den Namen der Figur ihres Romans „Kürzere Tage“ mitgenommen hat, die an einer Magisterarbeit über Otto Dix verzweifelt? Diese Judith hält sich mit ihrer Entscheidung für das bürgerliche Leben nach anthroposophischer Vorschrift jedenfalls an die Devise, die wir im „Bett“ mit der Inbrunst der Jahresendpanik brüllen: „Sicher ist sicher!“

Theater der Geschlechtlichkeit

Wo sind die Begemann-Magisterarbeiten? Sein Werk ist zu komplex, umfasst angeblich dreihundert Lieder, die Abend für Abend in neuen Kombinationen und Versionen geboten werden. Über die Fetzen von „Gut im Bett“ (darf hier nicht fehlen) legen Kay Dorenkamp (Keyboards), Ben Schadow (Bass) und Achim Erz (Schlagzeug) einen Glöckchenteppich, den der Sänger im synchronen Selbstkommentar ein „Sexy Wonderland“ nennt.

Hätten Forsythes Tänzer im „Bett“ vorbeigeschaut, wären sie auf ein paar neue Ideen für ein Theater der Geschlechtlichkeit gekommen. Aber sie könnten es Begemann wohl kaum nachmachen, wie er zunächst die Finger über das Griffbrett der Gitarre wirbeln lässt und dann in gleichem Tempo die Beine gegeneinanderschlägt. Nach zweieinhalb Stunden und achtundzwanzig Liedern ist der Spaß schon vorbei. Man hat Lust, noch bei den Bahndruckern einzusteigen, und die Stapel von Ben-Becker-Bildern, die dort bestimmt für die Titelseiten der beiden nächsten Hefte von „mobil“ bereitliegen (Januar: Ben Becker liest den Koran, Februar: Ben Becker liest „Mein Kampf“), gegen Autogrammkarten von Bernd Begemann auszutauschen. Jemand muss schließlich etwas tun für die Bildung der neuen Mädchen.

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