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Bernd Begemann Die Miss Piggy im Rampensaustall

31.10.2006 ·  Wenn Bernd Begemann ein Konzert beginnt, steht er vor seinem Werk wie Michelangelo vor dem Marmorklotz und fragt sich, was er weglassen soll. In Frankfurt spart er sich fast alle seine neuen Lieder. Wer kann sich das sonst leisten?

Von Patrick Bahners
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Eine Viertelstunde nach Mitternacht kommt in der Brotfabrik im Frankfurter Stadtteil Hausen die Nationalhymne, die „Deutsche Hymne ohne Refrain“ von 1993, als, wenn wir richtig gezählt haben, dreiunddreißigstes Lied. Zwei Fans nennen das knauserig, protestieren beim CD-Verkauf. Bernd Begemann erinnert sie daran, daß das Konzert doch drei Stunden gedauert hat, da halten sie ihm die zwanzigminütige Pause vor. Tatsächlich stehen einem im Kopf die Klassiker auf den Versfüßen herum, die man gerne auch noch gehört hätte, von „Simone de Beauvoirs Geliebter“ bis zu „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“. Und auch „Macht Hildegard glücklich!!“ ist eine Nachricht, die in regelmäßigen Abständen mit der von den zwei Ausrufezeichen markierten Wichtigkeit „Hoch“ gesendet werden sollte.

Wenn Bernd Begemann ein Konzert beginnt, steht er vor seinem Werk wie Michelangelo vor dem Marmorklotz und fragt sich, was er bloß weglassen soll. An diesem Abend spart er sich zum Beispiel fast alle Lieder von seiner nagelneuen sowie niet- und nagelfesten, nämlich ausgesprochen klug zusammengestellten Platte „Ich werde sie finden“. Wer kann sich das sonst schon leisten? Damit er nichts vergißt, worauf er lieber verzichten möchte, hat er auf der Bühne ein faltbares Inventar seines Liedspeichers dabei. Dieser mit schwarzem Filzstift beschriftete Riesenzettel erinnert an die Blätter, wie sie in Fußgängerzonen von den Opfern ufogestützter CIA-Überwachung verteilt werden. Auch diese Unglückskinder schließt der hermeneutische Wille ein, den die „Deutsche Hymne ohne Refrain“ proklamiert. Denn der Sänger, der „dieses Land verstehen“ möchte, bestimmt die Fußgängerzone zwar als einen Ort beinahe nicht entfremdeten Daseins („man kann fast drin wohnen“), lokalisiert aber sein Glück „in den unbeobachteten Augenblicken“. Na ja, darum hat er dann die Rampensaulaufbahn eingeschlagen. Versteh einer die Deutschen!

Er ist eben eine Rampensau

Der Begriff der Rampensau gehört in jede Begemann-Konzertkritik wie Echoeffekt und Kalauer zur Begrüßung („in der Brot! Fabrik! dem Toptreffpunkt aller Frankfurter Vegetarier!“) in jedes Begemann-Konzert. Aber hier muß feuilletonistische Originalität hinter der nackten, schwitzenden, übergewichtigen Wahrheit zurücktreten. Er ist eben eine Rampensau, die Miss Piggy im Rampensaustall!

In keiner Kritik steht dagegen, sagt jedenfalls der Künstler an der Brotfabrikrampe - und jetzt haben wir ihn mitten im Referat falsifiziert, sind ihm ins Wort gefallen, wie er sich selbst im Konzert das Wort aus dem Mund nimmt, um entweder Aphorismen zur Lebensweisheit einzuflechten oder aber gerade umgekehrt im Sammelalbum des Abends ein Lied fugenlos hinter das andere zu kleben -, er sagt also, in keiner Kritik stehe, daß im Speck ein bewußt handelnder Künstler steckt: „Das wird nie reflektiert!“ Vielleicht, weil wir Begemann-Bewerter den Tag über vor dem Konzert schon genug reflektieren und an ihm bewundern, wie Reflexion im Ausdruck aufgehoben ist, wie im Kofferraum der unverwüstlichen Kurzgeschichten und verbeulten Erinnerungsbilder die Wackersteine eines Nachdenkens über Geschichte und Bild mittransportiert werden, das jetzt schon einen Nachmittag, ein Jahrzehnt, eine Generation andauert, jedenfalls zu lange. Die Lieder treten untereinander in Beziehungen, bilden wirklich ein Werk.

Ohne Überleitungen singt er „Wir waren fünfzehn“ vom neuen Album, „Selten“ von „Endlich“, der Platte mit Schlager-Schlagseite von 2003, und „Bereit für dich“ aus der zwölf Jahre alten Siebziger-Nostalgie-Revue „Solange die Rasenmäher singen“, und man sucht keinen logischen Schlüssel für diesen Dreischritt der romantischen Momente. „Jetzt liegst du vor mir“, heißt es im Augenblick des Ausatmens in „Bereit für dich“, „wie ein Geschenk, wie eine gute Idee aus einer besseren Welt“. Und Begemann flüstert diesen Satz, als stünde die Idee auf einem Blatt Papier, das die Geliebte unter der Tür durchschiebt.

Weitere Konzerte von Bernd Begemann im November, Dezember und Januar:

Donnerstag, 2. November: Café Central, Weinheim
Freitag, 3. November: Manufaktur, Schorndorf
Samstag, 4. November: Q-Bar, Berg/Drau, A
Sonntag, 5. November: Wuk, Wien, A

Mittwoch, 8. November: Kantine, Konstanz
Donnerstag, 9. November: Café Mokka, Thun, CH
Samstag, 11. November: JZ Kamp, Bielefeld

Donnerstag, 7. Dezember: Zeppelin, Schwerin
Freitag, 8.Dezember: Phönix, Güstrow
Samstag, 9.Dezember: Treibsand, Lübeck

Mittwoch, 17. Januar: Exhaus, Trier
Donnerstag, 18. Januar: Parterre, Basel, CH
Freitag, 19. Januar: Demoz, Ludwigsburg
Samstag, 20. Januar: Yokus, Gießen

Dienstag, 23. Januar: Objekt 5, Halle
Mittwoch, 24. Januar: Kühlhaus, Flensburg
Samstag, 27. Januar: Alte Stadthalle, Melle

Quelle: F.A.Z., 01.11.2006, Nr. 254 / Seite 38
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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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