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Veröffentlicht: 12.03.2016, 19:38 Uhr

Berliner Rapperinnen SXTN Entfesselt, laut und unverschämt

Emanzipation ohne Überbau: Die Berlinerinnen Nura und Juju sind SXTN, sie rappen, und zwar richtig gut. Muss man sich den Kopf darüber zerbrechen, warum ihnen das so leicht fällt?

von
© Julia Zimmermann Die beiden Berliner Rapperinnen SXTN, Nura und JuJu

Wenn es um rappende Frauen geht, dann sind diese Frauen immer das Andere, also die, die sich mit dem, was zuerst da gewesen ist – und das sind auch und besonders im Rap nun mal Männer –, vergleichen lassen müssen und deren Kunst ohne das, was vorher da war (die Rapper), nicht betrachtet wird und werden kann, weil es eben jene Rapper sind, die die Standards gesetzt haben. Das heißt, Rapperinnen (und nicht nur diese Berufsgruppe) können nicht ohne dieses kleine Wort „wie“ existieren, und wenn man das als jemand, der über Rap schreibt, mitdenkt, will man natürlich genau das nicht schreiben: dass die beiden Frauen, um die es hier gehen wird, rappen wie richtig gute Rapper, also wie: Männer. Zweite Falle: SXTN, so nennen sich die beiden Frauen, deswegen eine feministische Mission zu unterstellen. Dritte Falle: Von der Schönheit der beiden Rapperinnen völlig umgehauen zu sein, aber zu überlegen, ob man das nun schreiben sollte, denn Rap-Fans tolerieren zwar nicht so hübsche Rapper, für Rapperinnen ist Nichthübschsein hingegen total verboten – und schon hat man sich komplett verknotet in all diesen komplizierten Fragen.

Antonia Baum Folgen:

Und wahrscheinlich ist genau das das Neue und Befreiende an SXTN: dass sie sich eben überhaupt nicht verheddern, sondern großartig rappen und dabei all diese Fragen aufwerfen, sie absolut widersprüchlich beantworten und sich somit eine Komplexität erlauben, die die meisten Menschen (und viele Feministinnen) überhaupt nicht in der Lage sind auszuhalten, weil sie wollen, dass die Welt einfach bleibt – aber der Reihe nach. Vor einigen Monaten veröffentlichten die Berlinerinnen Nura (27) und Juju (23) das Video zu dem Track „Deine Mutter“. Der Text („Ich ficke Deine Mutter ohne Schwanz“) und das Video (Schaumparty mit nackten Frauen, exzessives Twerken, die totale Breitbeinigkeit) sind extrem explizit und zunächst einfach als ein Battle-Track zu verstehen (Kunstform im Rap, man sagt dem imaginierten Gegner möglichst einfallsreich, warum er nichts kann, also eigentlich das Gleiche, was viele Journalisten tun), und dennoch ist daran eines überhaupt nicht gewöhnlich: dass die beiden die von männlichen Rappern etablierten Strategien (sexistisch sein, Mütter beleidigen) übernehmen und dies mit extrem guter Laune, Selbstverständlichkeit und großer Kompetenz tun.

SXTN - DEINE MUTTER (UNZENSIERT) from SXTN on Vimeo.

Sie rappen nicht darüber, dass sie rappende Frauen sind. Sie rappen einfach. Neu und ungewöhnlich ist außerdem, dass sie dabei phantastisch aussehen (gemachte Fingernägel, tipptopp Make-up, bisschen Tic-Tac-Toe-Style), diese Perfektion aber immer wieder brechen, etwa indem Nura sich auf Facebook über Beyoncés bestimmt gut gemeintes, aber komplett ungefährliches Bekenntnis zur perfekten Unvollkommenheit lustig macht, das heißt ein tatsächlich nicht-perfektes und wirklich gefährliches Aufwachfoto von sich selbst postet und darunter den Beyoncé-Satz „I woke up like this“ schreibt. Dass Juju über Nura sagt: „Wenn sie ungeschminkt ist, sieht sie aus wie ihr Bruder“ und Nura sich darüber freut. Dass Juju, in einem Interview gefragt, ob es sie nerve, in den Kommentaren unter ihrem Video immer auf ihr Aussehen reduziert zu werden, antwortet: „Es nervt mich eigentlich viel mehr, auf meinen Charakter reduziert zu werden.“ Dass sie Sätze sagen wie: „Wir mögen Mütter, aber manchmal machen wir halt Battle-Rap.“

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