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Veröffentlicht: 12.03.2016, 19:38 Uhr

Berliner Rapperinnen SXTN Entfesselt, laut und unverschämt


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Bist du Moslem? Bist du noch Jungfrau?

„Ich habe die R-&-B-Sängerin Aaliyah geliebt, weil die einerseits krass weiblich und andererseits auch so jungsmäßig rumgelaufen ist. Meine Mutter hat Aaliyah nicht verstanden.“ Es wurde kompliziert zu Hause. Mit zwölf Jahren zog sie in eine Einrichtung für betreutes Wohnen, mit 18 Jahren nach Berlin. Bis vor zwei Jahren hatte Nura keinen Kontakt zu ihrer Mutter. Kurz vor unserem Treffen im Simit-Laden, erzählt sie, habe ihre Mutter angerufen, die „natürlich“ nicht weiß, was ihre Tochter da genau für Musik macht, auch, weil sie nicht gut Deutsch spricht. Ihre Mutter habe wissen wollen, wie denn noch mal ihre Band heiße, und als Nura, am Plastiktisch sitzend, davon berichtet, wirkt sie freudig und besorgt zugleich. „Das ist eigentlich ein richtig krasser Tag heute“, sagt sie.

Es dauert nicht lange, und wir sprechen über Schlampen und Jungfrauen, weil das die Themen sind, bei denen man schnell anlangt, wenn man wie Juju in Neukölln aufgewachsen ist. Juju (auch sehr höflich, fast schüchtern, spricht nicht so schnell, die gleiche Zartheit gemischt mit Toughness) ist die Tochter eines Marokkaners und einer Deutschen und wuchs bei ihrer Mutter auf. Ab der vierten Klasse hörte sie Rap-Musik aus Berlin: Aggro Berlin, Kool Savas und Bushido, also Texte, die immer wieder – Kunstform hin oder her – die Einteilung in Schlampe und Heilige bestätigen. Und dennoch: „Die haben geredet wie wir. Außerdem sind die aus dem Nichts berühmt geworden, und das wollten wir auch.“ Mit zwölf Jahren wurde sie Teil einer Gang („Aber ich habe nie Leute abgezogen!“) und hing auf Spielplätzen rum. Später problematisches Brennpunkt-Gymnasium in Neukölln. In ihrer Klasse, erzählt Juju, seien zwei Deutsche gewesen und eben ziemlich viele Kinder, deren Eltern das Leben ihrer Kinder nicht verstanden. „Es hat sich alles darum gedreht, wer eine Schlampe ist. Überall waren Augen, die geguckt haben, was du machst.“ Nura nickt. „Das Erste, was man in der Schule gefragt wurde, war: ,Bist du Moslem? Bist du noch Jungfrau?‘ Ich war kein so guter Moslem, und das haben die mir in der Schule übelgenommen.“ Und Juju: „Man hat sich nicht offiziell mit Jungs getroffen, das hat man heimlich nach der Schule über Messenger verabredet, weil man sonst eine Schlampe gewesen wäre.“

Krasse Mädchen

Betrachtet man jene muslimisch geprägte Sozialisation mit ihren strengen Regeln und (auch daraus folgend) den extrem sexualisierten und sexistischen Umgang der beschriebenen Schulkinder-Situationen, dessen Soundtrack Aggro Berlin und Bushido waren, dann wirkt es, als sei das Frausein in Jujus und Nuras Aufwachsen ein derart brutaler Kriegsschauplatz gewesen, dass sie gar nicht anders konnten, als darüber zu rappen (wäre ich Literaturprofessor, würde ich sagen, die Sozialisation sei den Texten eingeschrieben). Es wirkt, als würden SXTN ihre Texte mit dem Überschuss an Sex und Sexismus, mit dem sie groß geworden sind, vollballern, um ihn gleichzeitig zu besitzen und sich selbst unterzuordnen. Und genauso wie es immer bequem und scheinheilig war, sich über Rapper von Aggro Berlin oder Kool Savas zu empören, so gilt das auch für SXTN. Erst kommt die sexistische Gesellschaft, dann der sexistische Rap, der von ihr erzählt.

Nun enthalten die Texte von SXTN glücklicherweise keine moralische Interpretationshilfe, weswegen auch die Frage nach dem Feminismus merkwürdig bescheuert und sozialpädagogisch wirkt. Juju: „Ach, wir sind eigentlich krasse Mädchen. Uns war das mit dem Feminismus nicht bewusst. Aber es wird uns irgendwie bewusst. Ich will eigentlich einfach arbeiten wie ein Mann, ohne dass es darum geht, dass ich eine Frau bin.“ Nura: „Aber das ist doch der Punkt. Leute halten uns für eine Provokation, weil solche Inhalte jetzt mal von Frauen kommen.“ Dass das der Punkt ist, bedeutet auch: SXTN praktizieren Emanzipation, ohne Theorie, schwierig erweitertem Horizont und Überbau, sondern mit Rap. Mit richtig gutem Rap.

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Glosse

Sag doch was

Von Jürgen Kaube

Mit der Äußerung, Angela Merkel entpolitisiere das Land, ist Martin Schulz über das Ziel hinausgeschossen. Dabei kann die SPD nicht einmal aus dem angeblichen Schweigen der Kanzlerin Angriffsmotive ziehen. Mehr 61 84

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