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Veröffentlicht: 12.03.2016, 19:38 Uhr

Berliner Rapperinnen SXTN Entfesselt, laut und unverschämt


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Das Video zu „Deine Mutter“ wurde inzwischen mehr als 700 000 Mal angesehen, Plattenfirmen wollen die beiden unter Vertrag nehmen, im April soll das erste Mixtape erscheinen. Es sind jedoch erst die Reaktionen auf „Deine Mutter“, die den Teil der Geschichte erzählen, den man kennen muss, um nicht die Augenbrauen hochzuziehen und zu sagen: Ja, aber was ist bitte daran toll, wenn Rapperinnen den Sexismus der Rapper einfach fortführen? Nach der Veröffentlichung des Videos waren viele Rap-Fans, überwiegend männliche, entsetzt und verwirrt: „Was machen diese beiden Mannsweiber/Asiweiber da?“ „Die sollten besser Pornos drehen als rappen“; beziehungsweise: „Sollte meine Schwester so etwas hören, wird sie zwangsverheiratet“, oder: „Ich bin so aggressiv, wenn ich so etwas sehe, wallahi billahi . . . Ich kann einfach keine Frauen so durchdrehen sehen, da werde ich sauer.“

Rebellion gegen die Mutter

Also kurz: Was fällt diesen beiden Mädchen ein, sich zu benehmen wie Männer? So entfesselt, so laut und unverschämt. Das ist der größte denkbare Affront, insbesondere in der ziemlich arabisch inspirierten Rap-Welt, die in großen Teilen großen Wert darauf legt, dass Frauen still, bescheiden und sauber sind, denn andernfalls würde die Idee eines ganzen gesellschaftlichen Systems, dessen Grundlage genau diese saubere, stille Frau ist, zusammenbrechen, und davon fühlen sich jene Rap-Kommentatoren selbstverständlich bedroht. Insofern könnten SXTN dieses System nicht härter angreifen, als dass sie dessen Gesetze gegen es selbst wenden – womit das Problem mit der unterstellten feministischen Mission wieder da ist. Tatsächlich wirken SXTN zunächst aber vor allem wie zwei Frauen, die rappen, weil es ihnen Spaß macht. Und dennoch geht es in ihren Texten immer wieder auch um: Befreiung, etwa in dem Track „Hass Frau“, der – auch auffallend explizit – von Vorurteilen gegenüber Frauen erzählt. Es geht um: Dirty sein, ohne sich deswegen das Frau-Sein wegnehmen zu lassen. Sagen, was man will, aussehen, wie man will. Woher aber kommt er, dieser Befreiungswille?

Wir treffen uns in einem Simit-Laden am Kottbusser Tor, der Plastiktisch wackelt, und zuerst erzählt Nura (höflich, aber zack-zack, spricht schnell und will sprechen, sehr offen, also ungeschützt, verletzlich und hart zugleich), woher sie kommt. Sie sei die Tochter einer geborenen Eritreerin, die mit 15 Jahren nach Saudi-Arabien an einen 27 Jahre alten Mann, Nuras Vater, verheiratet wurde. Als Nura drei Jahre alt war, floh ihre Mutter mit Nura und ihren drei Geschwistern von Saudi-Arabien nach Deutschland, wo sie zwei Jahre in einem Flüchtlingsheim wohnten und schließlich nach Wuppertal zogen. Das Geld für die fünfköpfige Familie verdiente Nuras Mutter als Putzfrau, und ihr Plan war, dass ihre Kinder Anwälte oder Ärzte werden. „Sie hat überhaupt nicht verstehen können, dass ich nicht Anwältin wurde. Aber wie soll das gehen, wenn einem keiner bei den Hausaufgaben hilft?“ Ihre Mutter, sagt Nura, sei eine muslimische Frau mit Kopftuch, und sie erzählt weiter, dass es, als Nura älter wurde, ziemlich bald Theater zwischen den beiden gab, weil Nura „zu westlich und zu europäisch leben“ wollte. Ihre Geschwister hätten ein Doppelleben geführt, sie hingegen habe offen rebelliert.

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