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Bela B. auf Tour Im Hobbykeller an der Gitarre frickeln

18.11.2009 ·  Selten hat es so viel Freude gemacht, einem Menschen bei der Ausübung seines Hobbys zuzuschauen: Bela B. von den Ärzten ist mit seiner Band Los Helmstedt anlässlich seines zweiten Soloalbums auf Deutschland-Tour.

Von Eric Pfeil
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Man vergisst nach fast dreißigjähriger Bandgeschichte oft, was für ein erfreuliches wie sonderbares Phänomen Die Ärzte in der deutschsprachigen Rockmusik darstellen: drei Ironiker an denkbar unironischem Orte. Ihre Fans sind in ihrer durch Liebe zum Objekt verbundenen Heterogenität eigentlich noch faszinierender – was sich auch beim Solokonzert ihres Schlagzeugers Bela B. am Sonntagabend im Kölner E-Werk wieder einmal bestaunen lässt: Mädchen und Jungs in schwarzen T-Shirts mit „Jäzz my Ass“-Aufdrucken, Jungpunks, die aussehen wie Altpunks, Metal-Typen, Rockveteranen, Kinder mit Modefrisuren und Haarproblematiker aus dem Medienbereich bieten ein lebendiges Panoptikum der Popkultur, eine Fan-Armee mit Freude an individualistischen Codes.

Alle haben sie anlässlich des Bühnenaufbaus schon vor dem Konzert Anlass zur Freude. Denn Bela B. hat eine Showtreppe. Nicht weiter verwunderlich bei einem Mann, der Pop als großen ironischen Liebhaberflohmarkt und Gestenfundus begreift. Als Einstimmungsmusik vor dem Konzert sind denn auch Alexandras „Zigeunerjunge“ und Bruno Martinos unfassbarer „Dracula Cha Cha“ zu hören. Dazwischen bittet immer wieder eine Frauenstimme von hohem Säuselfaktor die „Damen und Herren“, doch bitte ihre Plätze einzunehmen, das Konzert beginne in wenigen Minuten. Kurz bevor der Künstler auf die Bühne kommt, fügt die Dame hinzu: „Alle Leute, die auf der rechten Seite stehen, gehen nun bitte nach links.“

Enervierend unzwingend

Bela B. ist mit seiner Band Los Helmstedt anlässlich seines zweiten Soloalbums auf Deutschland-Tour. Die Platten des sechsundvierzigjährigen Comicsammlers und Horrorfilmliebhabers sind geschmacksichere Poprock-Sammlungen mit starker Tendenz zur musikalischen Lebenstraumerfüllung. Auf der neuen sind der Gitarrist Chris Spedding, die Schauspielerin Emanuelle Seigner und der Morricone-Mitstreiter Alessando Alessandroni mit dabei. Dennoch haben Bela Bs. klug durchkomponierte Platten das Problem vieler Solowerke: Sie klingen oft enervierend unzwingend. Eine Solokarriere als Hobby, so scheint es, und angesichts der Showtreppe muss hinzugefügt werden: ein teures Hobby obendrein.

Doch von dem Moment an, in dem Bela B. im dreiteiligen schwarzen Anzug und mit dezenter Rockabilly-Tolle die Showtreppe hinabgockelt, zerbröseln alle Vorwürfe. „Rockula“, der Eröffnungssong, auf Platte nur eine ironische Selbstfeier, ist mit seiner Wuchtigkeit im Konzert eine einzige Show-Lektion. Der Künstler erinnert schon jetzt an eine Mischung aus einer satanischen Kasperlefigur und dem geckenhaften Ersatzdarsteller eines Johnny-Cash-Musicals. Seine Band sieht aus wie eine Horde rüstiger Punks, denen irgendjemand zu viele Fransen an die „Clockwork Orange“-Kostüme genäht hat. Die Keyboarderin betreibt unentwegt eine so noch nicht gesehene Form des Sitztanzens.

Im Konzert verwandeln sich die oft konstruiert wirkenden Themenlieder über Schwarzweißmalerei, One-Night-Stands und Geburtstagsschrecken in reine Partymusik von beträchtlicher Kraft. Dazwischen meditiert Bela B. immer wieder über seine Makellosigkeit („Na gut, ich habe ein Holzbein!“) und karikiert die Ego-Spielchen einer überwiegend männlichen Rock-Reisegruppe. Vor allem im direkten Umgang mit seinen Zuschauern, in den liebevollen Publikumsbeschimpfungen und albern überspitzten Mitmachanimationen zeigen sich seine Stärken. Die Ironie, welche Die Ärzte in den deutschen Rock-Mainstream getragen haben, macht auch hier das Besondere aus: So sehr Bela B. die geborgten Posen liebt und brillant überdehnt, so sehr weiß er auch um ihre Albernheit. Selten hat es so viel Freude gemacht, einem Menschen bei der Ausübung seines Hobbys zuzuschauen.

Die nächsten Konzerte:

18.11. Dortmund (FZW)
20.11. Karlsruhe (Festhalle Durlach)
21.11. München (Backstage)
22.11. Wien (Gasometer)
25.11. Ulm (Roxy)
26.11. Freiburg (Güterbahnhof)
28.11. Zürich (Alte Börse)
29.11. Stuttgart (LKA Longhorn)
1.12. Offenbach (Capitol)

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