12.12.2006 · Musik wird immer mehr ohne Tonträger, Hülle und Beiheft digital verkauft. Gerade für das Cover seiner neuen CD hatte der Popmusiker Beck allerdings kürzlich eine ungewöhnliche Idee - und wurde gleich dafür bestraft.
Von Alexander MüllerGeht es um mehr als nur Musik? Als Jeremy Rifkin vor sechs Jahren in seinem Buch „Access“ das Verschwinden des Eigentums zugunsten von virtuellen Zugangsmöglichkeiten zu Unterhaltung und Information prophezeite, konnte er kaum ahnen, wie rasch sich dieser Wandel in der Musikindustrie vollziehen würde. Das Internet scheint die physisch greifbare Ware selbst überflüssig zu machen. Galt das von Nostalgikern weiterhin geschätzte Vinyl-Album auch aufgrund von aufwendigen Covergestaltungen als wahrer Fetisch, fristet die mit einem winzigen Booklet ausgestattete CD bildkünstlerisch ein Nischendasein.
Könnte man die Krise der Musikindustrie nicht auch als Reduzierung auf das Wesentliche, die Musik, verstehen - Inhalt pur ohne Verpackung? Dagegen stellt man Strategien, die das Album wieder aufwerten sollen: Special-, Limited- oder Deluxe-Editionen, die mit opulenten Extra-Features daherkommen: Bonus-Tracks, Video-DVDs, Codes für exklusive Homepagezugänge oder aufklappbare Digipacks; sie sind selbstverständlich entsprechend teurer. Einen anderen Weg wählte kürzlich Beck - und wurde gleich dafür bestraft.
Aus den englischen Charts verbannt
Während sein Folk-Album „Sea Change“ bereits mit unterschiedlichen Coverentwürfen in die Läden kam, verzichtet „The Information“ nun ganz auf eine optische Festlegung. Statt dessen kann der Käufer mit beigelegten Stickern auf Millimeterpapier sein eigenes Artwork kreieren. Dem amerikanischen Magazin „Wired“ gab Beck, dessen Mutter Bibbe im Dunstkreis von Andy Warhols „Factory“ tätig war, die Auskunft, eine „visual crutch“ gehöre für ihn zur Musik dazu. Das Design fordere außerdem zu Interaktivität und Kreativität auf, was im Online-Shop bislang nicht angeboten werde. Wer sich allerdings wirklich ans Basteln macht, ist aus Sicht des Sammlers am Ende der Dumme. Schließlich gilt das Debütalbum von „Velvet Underground“, das in der ersten Pressung von 1967 eine als Siebdruck abschälbare Banane von Warhol zierte, um darunter das rosafarbene Fruchtfleisch zu offenbaren, vor allem mit dem intakten Cover als kostbare Rarität.
Es ist das leidige Problem des Originals in der Kunst; wenn aus einem viele werden, sinkt der Wert automatisch. Die britische Official Chart Company kann auf derlei Raffinessen freilich keine Rücksicht nehmen. Äußerst humorlos verbannte sie Becks Album aus den englischen Charts, weil der „Nutzer“ des Werks einen Teil des Inhalts selbst bestimme und dies einen unfairen Vorteil gegenüber den anderen im Wettbewerb stehenden Tonträgern darstelle. Über den Musikgeschmack der Kunden läßt sich bekanntlich streiten. Daß Rockfans eine CD ausschließlich wegen der originellen Verpackung erwerben, kann man nicht unterstellen. Es bleibt abzuwarten, ob die Ästhetik des Albums auf dem Markt eine neue Chance erhält. Die Plattenfirmen fahren jedenfalls längst zweigleisig und bieten exklusive Songs und Konzertaufnahmen ihrer Künstler in Online-Portalen wie iTunes an; das Cover eines Albums erscheint dann noch daumennagelgroß auf einem mickrigen Display - fast schon eine Verschwendung von Speicherplatz.