16.07.2004 · Irgendwo in Australien ist ein Koffer aufgetaucht. Inhalt: Beatles-Memorabilia und einige Bänder, die mit "Abbey Road" gekennzeichnet sind - das Archiv von Mal Evans. Wer das war? Ein ganz gerissener Bursche.
Von Edo ReentsDieser Mal Evans war ein ganz gerissener Bursche. Er war zwar von milder Wesensart, freundlich zu jedermann und hätte bis heute für ein Muster an Rechtschaffenheit und Redlichkeit gelten können. Aber er hatte es faustdick hinter den fleischigen Ohren, die man in späterer Zeit hinter den buschigen Koteleten fast nicht mehr erkennen konnte.
1962 hörte er im Cavern Club, wo er als Rausschmeißer beschäftigt war, zum ersten Mal die Beatles, und von dem Moment an, das schwor er sich, wollte er auch etwas mit dieser großen Sache zu tun haben. Irgendwie muß dieser "sanfte Riese", wie man ihn nannte, auf Brian Epstein vertrauenswürdig gewirkt haben, denn dieser machte ihm ein Angebot: "Einen wie dich, der groß und stark ist, nicht viel redet und, wenn es sein muß, zupacken kann, könnten wir gebrauchen. Etwas Besseres als den Tod findest du überall."
Auch im Studio machte er sich nützlich
So wurde Mal Evans der Road Manager der Beatles, steuerte eigenhändig den Van mit dem Equipment, wohin die anderen befahlen. Einmal fuhr er den Lastwagen mitten im Winter von London nach Liverpool, ohne Windschutzscheibe, die nämlich zerbrochen war, die Beatles lagen hinten wie Sardinen in der Dose, damit wenigstens sie es halbwegs warm hatten. Muß man erwähnen, das an jenem 23. Januar 1963 das Konzert im Cavern Club pünktlich begann? Auch im Studio machte er sich nützlich, schob hier am Regler, rasselte da mit dem Tambourin.
Keine Feier ohne Meier, könnte man also sagen, denn auch im Film "Let It Be" ist er zu sehen, wie immer unauffällig und sehr effizient katzbuckelnd, bei McCartneys "Maxwell's Silver Hammer" bearbeitet er im Takt einen Amboß. Als John Lennon seinen Film "How I Won The War" drehte, leistete Evans Paul McCartney Gesellschaft, der gerade in Afrika auf Safari war. Auch später, als die Beatles keine Konzerte mehr gaben, wurde er keineswegs überflüssig; man machte ihn zum "persönlichen Assistenten" und ließ ihn bei der Plattenfirma Apple mittun. Einige Produzentenjobs, noch ein Buch über die große Zeit, dann verliert sich seine Spur.
Das Ende des Regenbogens in Australien
Das nächte Mal begegnet er uns erst wieder am 5. Januar 1976. Dies ist der Tag, an dem Mal Evans stirbt. Er hat sich im Haus seiner Freundin in Los Angeles verbarrikadiert, mit einem Gewehr, das allerdings nicht geladen ist. Die Polizei schießt trotzdem. Mal Evans wurde noch nicht einmal vierzig Jahre alt. Ein, wie gesagt, stiller, zuverlässiger Mann, immer da, wenn man ihn brauchte, manche sagen: auch wenn man ihn nicht brauchte. Jedenfalls ist jetzt, irgendwo in Australien, ein Koffer aufgetaucht, eine unglaubliche Geschichte. Ein gewisser Fraser Claughton, Brite, hatte den Koffer für fünfzig australische Dollar auf einem Flohmarkt gekauft. Inhalt: Beatles-Memorabilia, jede Menge Fotografien, Konzertprogramme - und einige Bänder, die mit "Abbey Road" gekennzeichnet sind, Laufzeit mehr als vier Stunden, Alternativaufnahmen von Songs wie "We Can Work It Out", "Cry Baby Cry" und, bisher unveröffentlicht, "I'm In Love".
Der Kofferbesitzer sagte in der ersten Aufregung: "Es ist, als hätte ich das Ende des Regenbogens in Australien gefunden." Ein Apple-Vertreter, der sich das am Telefon vorspielen ließ, äußerte sich weniger blumig: "Das Ganze wurde hörbar auf Sensation getrimmt." Peter Doggett vom Auktionshaus Christies's behauptet: "Das hat bestimmt mit Mal Evans zu tun. Der hatte doch immer Zugang zu den Beatles, wenn niemand in der Nähe war." Das Mal-Evans-Archiv, das sehr im stillen entstanden sein muß und seinem Gründer keinen Penny einbrachte, soll, so vermutet man, einige Hunderttausende, wenn nicht Millionen wert sein. Wirklich, ein gerissener Bursche, dieser Mal Evans.