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Veröffentlicht: 08.10.2009, 15:55 Uhr

Barbra Streisands neues Album Hörst du die Monde schneller werden?

Barbra Streisand ist nicht älter geworden, sondern erwachsen. Mit „Love is the Answer“ legt sie ein Album vor, unter dessen ruhiger Oberfläche sich schartige Abgründe verbergen.

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© AFP Eine Winzigkeit genügt, ein Album prall zu füllen: Barbra Streisand

Barbra Streisand ist nicht älter geworden, sondern erwachsen. Das ist das Wunder dieses Albums, das sie nach vier Jahren Studioabstinenz aufgenommen hat. Mehr als vier Jahrzehnte hörte und sah man, wie die herrische Diva Lied für Lied, Filmrolle nach Filmrolle und dann auch Regiestühle eroberte. Noch im leisesten Seufzer (und selbst der brachte solideste Verstärker zum Sirren) klang ein „Hört her, ich kann's besser als alle“. Wenn sie aufdrehte, wusste man manchmal nicht mehr, ob diese unerhört hohen, vollen und langen Töne über donnernden Orchestern noch Sirenengesang waren oder das Gellen einer Alarmanlage.

„Ich kann's, ich kann's, ich kann's“, beteuerte auch ihr Spiel, am bewundernswertesten wie erschreckendsten 1969 in „Hello, Dolly“, wo sie mit siebenundzwanzig Jahren die fast doppelt so alte, abgebrühte Dolly Levi spielte, die sich in letzter Sekunde einen zweiten Gatten angelt. Und nun, nach Tausenden Gefechten, das: keine Dolly-Finten, keine Attacken und Allüren, sondern ein Kammerkonzert, versonnen, leise, eindringlich.

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Kein „Trotzdem“, sondern ein „So ist das also“

Sirenentöne? Jede Menge, denn Barbra Streisand hat nichts verlernt, meistert noch immer unglaubliche Höhen, Tiefen und Tonsprünge. Aber sie spinnt die Noten nun wie Goldfäden, kostet sie aus, statt sie zu demonstrieren, lässt sie sacht verwehen, statt sie zu straffen. Und - das ist vielleicht das Schönste - wenn manchmal heisere, den Jahren geschuldete Töne einbrechen, dann werden sie nicht kaschiert, sie sind Bestandteil eines Klangbilds, das uns eine reife Frau schenkt, die verwundert und gelassen zurückschaut: „Funny, how the time flies, how love can go from warm hellos to sad goodbyes.“ Tornado war einmal, nun ist Meeresstille. Die aber hat nichts mit Glätte zu tun, sondern mit schartigen Abgründen unter glatten Oberflächen. Denn die Titel, die Barbra Streisand und ihre - auch das eine Art Wunder - Produzentin Diana Krall ausgesucht haben, vereinen sich zu einem Konzeptalbum, dessen optimistisches „Love is the Answer“, eine Zeile aus Jule Stynes „Make Someone Happy“, eigentlich irreführend ist. Denn es geht nicht um das große „Trotzdem“, sondern um ein „So ist das also“.

Welches Buch, welches Bild gehört wem? Welche Gewohnheiten und Träume waren deine, welche meine? Wie trennt man das Heute vom Gestern? Mit solchen Aufräumungsarbeiten enden Lieben? Barbra Streisand singt in „Where do You Start?“ diese Fragen leise tastend, hebt die Stimme nur, wenn sie spekuliert, ob er sich ein paar Tränen gestattet oder die Augen vor allem verschließt: Letzteres, ist sie sich sicher. Aber in einem innersten Winkel, so heißt es in der Schlusszeile, sorgfältig versteckt vor ihr und allen anderen, werde sie ihn weiterlieben. Wer wollte diese Lebenserfahrung sentimental nennen? Jeder kennt diesen Narbenschmerz, der alle Zeiten und neue Lieben überdauert. Das Album beleuchtet ihn von allen Seiten, und so singt Barbra Streisand von den endlosen Spaziergängen, mit denen Vereinsamte die Zeit totschlagen, von der lähmenden Verlassenheit der letzten Stunden vor Morgengrauen, vom Frühling, der einen mit der Verheißung auf Neuanfang foltert, vom Mond, der in Liebesnächten stillzustehen schien und jetzt im Zeitraffertempo die verfliegenden Monate markiert. Wer nach gehabter Desillusion noch einmal ein Sichverlieben zulässt, sollte das bei Nieselregen tun, heißt es in Luiz Bonfas „Gentle Rain“, denn so vergisst man nicht, dass jede Liebe schwindet. Diesen Bossa nova singt Barbra Streisand so melancholisch wie Leonard Bernsteins chansoneskes „Some Other Time“, das Lied vom feigen „ein andermal“, an dem Gefühle zugrunde gehen.

Intime, konzentrierte Atmosphäre

„There's so much more embracing still to be done, but time is racing“: Schwarz in schwarz malt die Sängerin ihre Rückblicke nicht, auch wenn das vertrauensselige „Make Someone Happy, and You - will be Happy too“ sich wie eine diskrete Durchhalteparole anhört. Als Schlüssellied interpretiert sie „Here's to Life“, das mit den fünf Worten „no complaints and no regrets“ beginnt und trotz eines resignierten „There's no yes in yesterdays“ mit dem Appell endet, die Dinge, an denen sich nichts ändern lässt, ruhig, wenn möglich, sogar neugierig auf sich zukommen zu lassen. „When a lovely flame dies, smoke gets in your eyes“ - wer hätte gedacht, dass dieser abgegriffene Barpiano-Evergreen über Tränen, die man nicht zugeben will, noch berühren könnte? Bei Barbra Streisand klingt er, als hätte man ihn gestern erst geschrieben. Was nicht zuletzt mit der intimen, konzentrierten Atmosphäre zusammenhängt, die das perfekte Zusammenspiel von Sängerin und Band schafft und die das Adjektiv jazzy nur unzulänglich beschreibt. Die Vorstellung, mit nur vier Musikern zu singen, habe ihr anfangs zugesetzt, sagt Barbra Streisand. Doch das sonst Diana Krall begleitende Quartett John Clayton (Bass), Anthony Wilson (Gitarre), Jeff Hamilton (Schlagzeug) und Tamir Hendelman/Diana Krall (Piano) gibt, arrangiert von Johnny Mandel, den Songs mehr Spannung als so manches Megaorchester. Was auch die erste CD dieses Doppelalbums beweist, auf der sämtliche Lieder zusätzlich mit Streichern unterlegt sind, deren Bestes darin besteht, kaum aufzufallen.

Wenn Trennung, so bettelt Barbra Streisand in der englischen Version von Brels „Ne me quitte pas“, dann solle er wenigstens eine Handvoll der erloschenen Liebe zurücklassen. Als Metapher genügt diese Winzigkeit, um ein Album prall zu füllen - und seine Hörer für eine knappe Stunde stärker zu fesseln und zu bewegen als zwei Dutzend der herrlich bombastischen virtuosen Streisand-Balladen von einst.

Glosse

Eine absolute Ausnahmeliste

Von Helmut Mayer

Erst befördert ein Spiegel-Redakteur das umstrittene Buch auf die Bestsellerlisten, nun befördert es das Magazin wieder heraus. Über einen kontraproduktiven Eiertanz. Mehr 20 143

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