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Banditendämmerung 50 Cent rappt das Lied vom Tod

05.06.2006 ·  Vielleicht hat 50 Cent auf dem Weg nach Frankfurt die Handke-Debatte in den Feuilletons verfolgt. Nach 31 „Fuck you“ vergeht die Lust mitzuzählen. Sein Konzert: prahlerische Autoaggression, eine einzige Publikumsbeschimpfung.

Von Rainer Schulze
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„Kann ich die Pump-Gun mit reinnehmen?" „Wenn sie leer ist, kein Problem." Gesittete Ordner, entspannte Gäste. Beim pfingstsonntäglichen Familienausflug zum Paten der Gangsta-Rapper kann kein Scharmützel die Harmonie trüben.

Gutfrisierte Mittelschichtler, hohe Akne-Quote, eine Diamantenattrappe im Ohr sind bei halbfertigentwickelten Kerlen Zeichen für Würde und Kohle. Man trägt juwelentechnisch dick auf. Mancher macht Scherze ("Wie hieß 50 Cent früher? - Eine Mark."), tätschelt den Ganovennnachwuchs und rückt den Hemdkragen zurecht. Keine Knarre blitzt im Hosenbund, und auch die Dame mit Kinderwagen wird vom Ordner durchgewinkt, ohne die Windel nach Koks zu durchforsten.

Bizarre Böse-Buben-Selbstinszenierung

Als "Fiftys", wie ihn seine Anhänger kosen, Biographie "Get Rich Or Die Tryin" in den amerikanischen Kinos anlief, wurde prompt ein junger Kinogänger erschossen. Von derlei ruchlosem Betragen ist vor der Frankfurter Festhalle nichts zu spüren. Die bizarre Böse-Buben-Selbstinszenierung namens Gangsta-Rap ist längst salonfähig.

Drei junge Herren aus Berlin, die gut und gerne als kommerziell erfolgreiche Rütli-Schüler durchgehen könnten, erklimmen die Bühne. Die Vorband "Bass Sultan Hengzt" sieht in Jogginganzügen, das Handtuch lässig über der Schulter, aus, als käme sie frisch aus der Dusche. Sie rappen, daß sie mit Vorliebe allerlei Dinge und Personen "ficken" und gebärden sich auch sonst recht wüst. Eine Mutter blickt konsterniert und streicht der höchstens zehnjährigen Tochter übers Haar. "Ganz fürchterlich. Das grenzt an Körperverletzung." In deutschem Idiom wirkt die prahlerische Autoaggression eben drastischer. Dabei sind die Textzeilen von 50 Cent, der mit "The Massacre" die Charts stürmte und in Amerika Rekorde der Beatles einstellte, keinen Deut harmloser. Immerhin nuschelt er so gekonnt, daß man kaum etwas versteht. Das Publikum ist trotz miserablen Sounds begeistert. Selbst die Frage "Are you tired?" wird mit großem Gequieke quittiert.

Jedes „Fuck you“ brennt sich ins Gedächtnis

Vielleicht hat 50 Cent auf dem Hinflug die Handke-Debatte in den Feuilletons verfolgt. Das Konzert ist eine einzige Publikumsbeschimpfung. Nach 31 "Fuck you" und "motherfucker" vergeht die Lust mitzuzählen. Die Salve prallt ebenso ab wie die unzähligen Affronts ("I like your titties") und billigen Provokationen gegen den guten Ton. Auf der Leinwand werden Waffenarsenale eingeblendet, zu "Shake your ass" allenfalls peinliche Musikvideos aufreizend tanzender Gogos gezeigt. Offene Gewaltverherrlichung, Drogen und ruppiger Umgang - bei der FSK gäbe es ein "frei ab 12" auf die Bühnenshow. Groß wird der Unsterblichkeitsmythos des Curtis "50 Cent" Jackson in Szene gesetzt. Daß der frühere Drogenhändler von neun Kugeln niedergestreckt wurde, verkünden Nachrichtensprecher von CNN und Fox News auf dem Schirm. Und jedes "Fuck you" brennt sich, von einem Schußgeräusch begleitet, ins Gedächtnis.

Als Verstärkung hat 50 Cent seinen "Nigger" (Schwarze dürfen sich gegenseitig so nennen) Young Buck dabei. Der raucht auf der Bühne unter großem Tamtam einen Joint. Mitunter wirkt, was vorne passiert, wie die Fernsehgymnastik im Frühstücksfernsehen. Zum forschen Imperativ "put your motherfucking hands up in the air" gibt 50 Cent selbst die Instruktionen und wippt mit dem Arm. Tausende Baseballcapträger imitieren willig die Geste. Und sind bald etwas geknickt: Schon nach einer Stunde macht sich der Rapper mit Eintrittsgeldern von bis zu 68 Euro pro Karte wieder aus dem Staub. Einmal Gangster, immer Gangster.

Quelle: F.A.Z., 06.06.2006, Nr. 129 / Seite 44
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Jahrgang 1978, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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