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Avril Lavigne in Berlin Die Zuckerschnute als Rocklady

16.06.2005 ·  Als sie den Smashhit „American Idiot“ der Punk-Imitatoren von „Green Day“ zum besten gibt, kommt doch noch Leben in die lustlosen Begleitmusiker: Avril Lavigne gibt sich bei ihrem Berliner Konzert alle Mühe.

Von Klaus Ungerer
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Einen Moment gab es in diesem Konzert, da näherte Avril Lavigne sich dem an, was man wohl Rockmusik nennt, jenem möglichst schlichten, brodelnden Eintopf, den wir gern an einem innerlich gespürten Lagerfeuer in uns hineinschaufeln, fernab von MTV und dessen frei Haus gelieferten Mikrowellengerichten.

„Dies ist ein sehr guter Song von einer sehr guten Band“, kündigte die zwanzigjährige Kanadierin, die einen guten Teil ihres Daseins als Abziehschmollerchen auf ebenjenem Sender verbracht hat, nach der Hälfte des Konzerts in der Berliner Arena Treptow ein erstes Stück an, das nicht aus ihrer eigenen, zwei Alben umfassenden Produktion stammte, sondern aus dem schier unendlichen Fundus des Rock'n'Roll, aus dem sich zu bedienen immer eine Verneigung und eine Verortung bedeutet. Avril Lavigne griff nicht weit, doch immerhin: Sie griff.

Schweißnaß und erdig soll es sein

Das Stück, an dem sie sich in die Glaubwürdigkeit des als schweißnaß und erdig gedachten Rock'n'Roll hinüberzuhangeln gedachte, war der Smashhit „American Idiot“ der Punk-Imitatoren von „Green Day“.

Da hatte sie also nichts gar zu Verwegenes unternommen, sondern vielmehr im Sinne jener Kreise gehandelt, die ihr vor einiger Zeit schon den allerdemütigendsten Moment zugedacht haben, den wir je auf MTV zu betrachten hatten: als Avril Lavigne einen Kurzauftritt beim „Tribute to Metallica“-Abend zu absolvieren hatte und sich alles, was da war, aus dem schmalen Leib zu rocken versuchte, viel zu klein für das hochgestellte Mikrofon, den Song „Fuel“ von „Metallica“ schmetternd, derweil dessen Urheber im Publikum saßen und gut sichtbar darüber lachten.

Sogar ein Rampensau-Gitarrensolo

Dies also ist der Respekt, mit dem die Musikindustrie das Mädchen aus Napanee, Ontario, behandelt, seit sie es im Jahr 2001 im Alter von siebzehn Jahren in die Video-Rotationsmaschine quetschte; und dem Mädchen kann heute keine tiefere Verneigung vor der Göttin Musik einfallen, als den Hit des aktuell größten Hypes nachzuspielen.

Und doch streckten Avril Lavignes ansonsten motivationslose Begleitmusiker mit einemmal ihre Rücken durch, schüttelten ihre Schöpfe, kam mit den ersten Akkorden des fremden Stückes ein Zug in die Musik, der sogar zu einem Kürzest-Rampensau-Gitarrensolo mit Scheinwerferspot führte und somit zu einer ganz leichten Ahnung dessen, was ein Rockkonzert allermindestens ist: ein krachiger, übler Wettstreit von hormonell fehldosierten Gitarren- und Schlagzeugprotzen, der eine Dynamik, einen Sog erzeugt oder wenigstens ein rechtes Debakel, irgend etwas jedenfalls, das einem in den Körper und in die Seele fährt, so daß man hüpfen oder klatschen, schreien oder Bierflaschen werfen mag, und diese Ahnung einer Erfreulichkeit hielt dann sogar bis zu nachfolgender Eigenkomposition vor, dem dunklen Pianostrudel von „Together“.

Was hätte sie für eine Rocklady werden können

Für Sekunden mochte man den Gedanken durchspielen, was die Zuckerschnute für eine Rocklady hätte werden können oder vielleicht doch noch wird, in fünfzehn Jahren und nach bitteren Niederlagen und Entbehrungen oder was der Mensch eben so braucht, um all die unabweislichen Independent-Bonbons, mit denen Avril ihre Platten befüllt, anzuätzen, abzulutschen und umzukauen zu zerklüfteten, rauhen Sinnenschmeichlern; doch diesen Gedanken ließ man, weil er traurig machte, lieber schnell wieder fallen, sah sich um in der Arena, die für einen sinkenden Superstar wie sie als halb leer zu gelten hatte, und erblickte lauter Papas, auf denen Jeansjacken saßen, auf denen Töchter saßen, auf denen rote, blinkende Teufelshörnchen saßen, auf denen „Avril Lavigne“ stand.

Auch grüne Leuchtstäbe mit derselben Aufschrift gab es zu kaufen und fünf Sorten Poster, auf denen die Musikerin fünf Darbietungsweisen ihres Schmollmunds durchspielte: mal als blutjunges Luder; mal hinter der Spiegelbrille der gereiften Rockerin oder, aktuelle Fassung, als leichenblaß geschminkte, mit allerhand Totenköpfen versehene Wiedergängerin ihrer selbst, die sie nie gewesen ist.

Weitere Konzerte:

Mittwoch, 15. Juni: Sporthalle, Böblingen
Donnerstag 16. Juni: Stadtpark, Hamburg

Quelle: F.A.Z., 16.06.2005, Nr. 137 / Seite 36
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