16.01.2006 · Schnelle Songs, laute Gitarren: Die Arctic Monkeys, eine junge Band aus England, machen Musik wie die Alten. Neu ist ihr Weg zur ersten Platte: Nach dem Internet-Hype um das Quartett konnten sie sich die Plattenfirma aussuchen.
Von Tobias RütherEs gibt keine Zukunft in Englands Traum. In diesem Traum, den England seit einiger Zeit von seiner Popmusik träumt, herrscht die longue durée des Punk. Und so klingen auch die sehr smarten, aggressiven Songs des neuen, englischen Popwunders Arctic Monkeys vor allem nach The Jam und den Buzzcocks, nach den ersten Jahren unter Margaret Thatcher, als sich blasse, dünne junge Männer mit Gitarre, Baß und Schlagzeug das Blei ihrer Städte von der Seele spielten. Schon damals gab es keine Zukunft, dafür war die Musik großartig.
Die Arctic Monkeys kommen aus der Industriestadt Sheffield (also Stahl, nicht Blei). Eine Band von Zwölfjährigen, so wirkt es auf den ersten Blick. Wie sie da an einem klaren Berliner Wintermorgen im Restaurant „Mädchenitaliener“ in der Alten Schönhauser Straße sitzen, in Kapuzenpullovern, mit empfindlicher Haut und Schlaf in den Augen, fällt es etwas schwer, an den Hype zu glauben, der sie schon seit Wochen und Monaten umgibt. Und daran, daß der Sänger Alex Turner und die drei anderen Jungs von Arctic Monkeys hinter diesen lässigen, rotzigen Songs und der Hysterie bei Fans und Journalisten stecken.
Klare Absage an den Hype
Aber dann hört man sie kurz und bündig über ihre Lieder reden, und darüber, daß sie eigentlich lieber Gitarre spielen als davon zu reden, dann liest man den Titel ihres Debüts - und läßt sich doch von der Aufregung anstecken. „Whatever People Say I Am, That's What I'm Not“, so heißt die Platte. Das ist eine Parole gegen den Hype. Eine Absage. Kaum ist die Platte in den Läden, da distanzieren sich die Arctic Monkeys schon im Titel vom Rummel, der um sie gemacht wird.
„Whatever People Say I Am, That's What I'm Not“ erscheint eine Woche früher als geplant. Das ist nur ein Beispiel für diesen Rummel um die Arctic Monkeys. Ihre Plattenfirma, es ist auch die von Franz Ferdinand, teilt es in einer Sondermeldung an die Presse mit. „Je eher die Leute dieses unglaubliche Album hören können“, jubelt der Firmenchef, „desto besser. Sie wird der Soundtrack zum Jahr 2006 sein.“ Also nicht zu den ersten Jahren von Thatcher, sondern von Merkel? Den Jubel ihres Firmenchefs (und bestimmt auch solche Interpretationen) parieren die Arctic Monkeys mit einem knappen: Alles, was die Menschen über uns sagen, sind wir nicht.
Party-Geschichten, Mädchen-Geschichten, In-the-City-Geschichten
Zum Beispiel wird die Platte sicher nicht aus Barmherzigkeit früher veröffentlicht, sondern weil sie längst im Internet kursiert. Zum Beispiel sind die Arctic Monkeys natürlich nicht zwölf Jahre alt, sondern 19, 20 Jahre. Paul Weller war auch erst 17, als er The Jam gründete, er war 18, als er mit ihnen im legendären Londoner „Marquee“ auftrat, und 19, als „In the City“ erschien, die erste Single der Band. „You'd better listen, man / Because the kids know where it's at“, sang Paul Weller darin, und von den „young ideas“, auf die er „fears“ reimte. Und von alledem singen heute auch die Arctic Monkeys: Die Kids wissen, wo vorn ist, also hör besser genau hin. Wenn du uns nicht in den Club reinläßt, feiern wir eben zu Hause weiter. Dann müssen wir auch nicht dieser Angeber-Band zuhören, die so tut, als wäre sie aus New York, dabei ist sie aus Rotherham (was in Yorkshire liegt und die Partnerstadt von Riesa und Kaiserslautern ist).
Das sind die Geschichten der Arctic Monkeys: Party-Geschichten. Mädchen-Geschichten. In-the-City-Geschichten. Und die Band legt sich ins Zeug dazu. Es ist selbstverständlich Unsinn, im ersten Monat des Jahres zu sagen, daß „Whatever People Say I Am, That's What I'm Not“ die Platte des Jahres ist. Aber vorerst, bis die nächste kommt, ist sie es.
Doch schon seit vier Jahren
Was die Arctic Monkeys von all den anderen Retrobands aus England trennt, ob es nun Hard-Fi sind oder die Kaiser Chiefs, ist ihre Aggressivität. Die Musik ist schnell. Die Gitarren sind laut. Die Arctic Monkeys legen es nicht darauf an, nur Kunsthochschülerinnen zum Tanzen zu bringen wie Franz Ferdinand. „I bet you look good on the dancefloor“, hieß zwar auch die sehr gute erste Single der Band, doch „you know nothing - but I'll still take you home“, so geht es ein paar Lieder später auf dem Album weiter. „Wir klingen so aggressiv“, sagt Jamie Cook, der Gitarre spielt, „weil wir noch keine allzu guten Musiker sind. Man kommt aber mit allem durch, wenn man die Instrumente verzerrt.“ Und wenn sie langsamer spielen, fallen sie dann um? „Wenn wir das machen“, erklärt Alex Turner, der Sänger, „hört man noch die Fehler heraus. Die ruhigeren Lieder von der Platte haben wir bis jetzt nur im Studio gespielt, aber nicht vor Publikum.“ Vor Publikum, erzählt Jamie, spielen sie ihre Lieder manchmal noch schneller, weil sie die Euphorie davonträgt.
Eine der Geschichten, die sich um die Arctic Monkeys rankt, ist die von den zwei Gitarren, die Alex und Jamie zu Weihnachten geschenkt bekamen, was der Legende nach ungefähr vorgestern gewesen sein soll (die andere, wahre Geschichte ist die vom rasanten Austausch ihrer Lieder im Internet, was sie lange vor ihrem Plattenvertrag in England bekannt machte - und ihre Konzerte brechend voll). „Je öfter wir die Geschichte von den Gitarren hören“, sagt Alex Turner, „desto kürzer ist das her. Sind das nicht inzwischen nur noch drei Monate? In Wahrheit“, sagt Alex dann und hantiert am Aufnahmegerät herum, das auf dem Tisch liegt, später wird er versuchen, den Zettel mit den Interviewfragen zu lesen, „in Wahrheit war es Weihnachten 2001, also vor vier Jahren. Matt Helders hat sein Schlagzeug im Sommer 2002 bekommen.“
Das Label konnten sie sich aussuchen
Matt Helders und Andy Nicholson, der Bassist, frühstücken gerade im Hinterzimmer des Restaurants, auch Jamie und Alex essen Croissants, während sie antworten, Alex ist etwas erkältet, es war eine anstrengende Woche, ein Video wurde gedreht, jetzt reisen die Arctic Monkeys von Interview zu Interview. „Es ist verrückt, aber schon in Ordnung so“, sagt Jamie, „es macht ja Spaß.“ Im März spielen sie ihre ersten Konzerte in Japan, danach in Nordamerika: New York, San Francisco, Montreal. Dabei haben sie eben noch nachmittags um fünf zwei Autos mit ihren Instrumenten vollgepackt, sind nach Newcastle gefahren, haben in einem Club gespielt und sind am nächsten Morgen wieder kellnern gegangen, oder zum College.
Es gibt also doch eine Zukunft in Englands Traum, auch wenn selbst eine blutjunge Band wie die Arctic Monkeys, die von den Jam oder den Smiths erst gehört haben, als sie mit ihnen verglichen wurden, den Pop nicht neu erfinden. Natürlich klingen die Arctic Monkeys nach den Buzzcocks, sie hören ja im Radio gerade nichts anderes als diese 25 Jahre alten Formeln. Aber anders als die Buzzcocks mußten die Arctic Monkeys nicht erst ein eigenes Label gründen, um nicht in die Verwertungsketten der Musikindustrie zu geraten. Diese Freiheit ist neu. Die Arctic Monkeys haben sich ihr Label aussuchen können, weil sie längst erfolgreich genug waren, dank des Internets und ihrer Konzerte. „Wie wir uns letztendlich entschieden haben, das hatte vor allem mit den Menschen beim Label zu tun“, sagt Jamie.
Und jetzt planen die Arctic Monkeys, schleunigst eine neue Platte aufzunehmen. „Wir wollen nämlich nicht ewig auf den gleichen Songs sitzen“, sagt Alex. Dann gähnt er und schaut auf den Fragezettel. Den Arctic Monkeys geht es wohl einfach nicht schnell genug.
Die Arctic Monkeys in Deutschland:
Samstag, 25. Februar: Mousonturm, Frankfurt
Mittwoch, 1. März: Grünspan, Hamburg
Freitag, 3. März: Postbahnhof, Berlin
Samstag, 4. März: Bürgerhaus Stollwerck, Köln
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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