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Anti-Folk : Die Armen

  • -Aktualisiert am

Ohne Outsider-Pathos: Jeffrey Lewis Bild: Rough Trade

Jeffrey Lewis und Adam Green gehören zu den Protagonisten der Antifolk-Szene. Der eine bleibt auf seiner neuen CD den alten Werten treu. Den anderen hat wohl der Mut verlassen. Dafür läßt er jetzt die Geigen singen.

          Als Adam Green, Kimya Dawson und Jeffrey Lewis, die wichtigsten Protagonisten der New Yorker Antifolk-Szene, im vergangenen Jahr ihre ersten kommerziell vertriebenen Alben vorlegten, stand in den Booklets hinter vielen Songtiteln fast trotzig die Anmerkung "Recorded at home". Das war nicht als Hinweis auf die prekäre finanzielle Situation der jungen Musiker zu verstehen. Ebensowenig sollte das traute Heim als Ort unentfremdeten künstlerischen Schaffens gepriesen werden. Vielmehr benannte der Satz die ärmliche, fast primitive musikalische Grundausstattung, mit der Dawson, Green und ihre Freunde arbeiteten. Akustische Gitarren, Xylophone, Triangeln und Blockflöten bestimmten den Sound ihrer Stücke. Die meisten der verwendeten Instrumente fanden sie zu Hause oder in ihren ehemaligen Schulen.

          Das Pubertäre, ästhetisch Unreife war in der Musik von Dawson und Green, die gemeinsam als "Moldy Peaches" auftreten, nie ein Manko, sondern machte überhaupt erst deren Originalität aus. Indem sie auf protzige Gesten der Souveränität verzichteten und ihren Schwächen, musikalischen Schnitzern, ihrem Hang zu Albernheit und Selbstironie Raum gaben, verliehen sie ihren Nummern ästhetische Wahrhaftigkeit. Die Elemente des Clownesken, Tragikomischen und Dilettantischen ließen ihre Stücke als angemessene Sprache einer Zeit erscheinen, in der gerade jene, die ihren eigenen Weg zu gehen versuchen, nicht Schritt halten können und die Besten im Abseits bleiben.

          Hauptsache singen können, was man will

          Sogar die provisorische Gestaltung der Covers entsprach dieser Strategie. Das Debütalbum Adam Greens zeigte das milchbubihafte Gesicht des Sängers in einer billigen, ausgeschnittenen und neu zusammengeklebten Schwarzweiß-Fotografie. Jeffrey Lewis, der seine CDs mit eigenen Cartoons illustriert, behält dieses Verfahren in seinem neuen Album bei. "It's the Ones Who've Cracked That the Light Shines Through" ist ein Lobgesang auf die Armen und Vergessenen, deren Schicksal weder in Geschichtsbücher noch in Popsongs Eingang findet. Es handelt sich dabei freilich um einen Lobgesang, dem jedes Outsider-Pathos abgeht. Lewis präsentiert seine Nummern mit der Beiläufigkeit des fahrenden Sängers, dem es nicht so wichtig ist, ob er den richtigen Ton trifft oder nicht; Hauptsache, er kann singen, was er möchte.

          Der Versuchung erlegen: Adam Green

          Jeffrey Lewis evoziert die Melancholie belangloser Alltagsereignisse ("I Saw a Hippie Girl on 8th Ave"), läßt in Anlehnung an die Balladen Bob Dylans die Jahrzehnte eines gerade durch seine Monotonie exemplarischen Lebens Revue passieren ("Back When I Was 4") und empfiehlt im Geist der Hippie-Bewegung: "You Don't Have to be a Scientist to do Experiments on Your Own Heart"). Seine Lieder, die von seinem Bruder Jack und von Anders Griffen musikalisch begleitet werden, muten mit ihrem Plädoyer für das ziel- und anspruchslose Dasein der Tramps und Bohemiens sympathisch altmodisch an, ohne jemals die Armen, Outcasts und Herumtreiber als Vertreter einer besseren Welt zu glorifizieren.

          Adam Green: ohne Mut, aber mit Geigen

          Lewis' ästhetische Zurückhaltung und menschliche Bescheidenheit kontrastieren merkwürdig mit Adam Greens neuem Album "Friends of Mine", das direkt nach Erscheinen vom Magazin "Spex" zur Platte des Monats ernannt und auch anderswo mit ungewöhnlich euphorischen Kritiken versehen wurde; es wird, sicherlich zu Recht, gemeinhin als Dokument für Greens Abkehr von seinen pubertären Wurzeln begriffen. Tatsächlich verabschiedet sich Green schon auf dem Cover, das ihn als verruchten Jungen mit Schlafzimmerblick inszeniert, von seinem kindlichen Image bei den "Moldy Peaches".

          Auch in seinen Stücken erkennt man ihn kaum wieder. An die Stelle der bewußt primitiven Toncollagen seines Debütalbums tritt mit der Möglichkeit zur professionellen Studioaufnahme eine vergleichsweise bombastische Ästhetik mit ausgeklügelten Streicherarrangements. Derlei hat schon viele späte Stücke Leonard Cohens kaputtgemacht, und obwohl Green die ihm neu gebotenen Möglichkeiten umsichtig nutzt, wird seine Musik dadurch eher ärmer als reicher. Ihr fehlt der ästhetische Mut, der sein Debüt auszeichnete. Viele seiner frühen Songs wie "Computer Show" oder "Can You See Me" enthielten atemberaubend simple Toneffekte, die mittels Wassergläsern oder Schmirgelpapier erzielt wurden.

          Laß dich von der Plattenfirma nicht zum Essen einladen

          Nichts davon findet sich in "Friends Of Mine". Natürlich bietet das Album großartige Nummern, "No Legs" etwa, eine Skizze über sexuelles Versagen, emotionale Erbärmlichkeit und Inzest, oder den Eingangssong "Bluebirds", der mit seiner Hinwendung zum kindlichen Tand an Greens frühe Arbeiten erinnert. Doch insgesamt herrscht eine ästhetische Glätte und bruchlose Gemütlichkeit vor, der es an allem mangelt, was Green ausgezeichnet hat.

          Der Popmarkt mag das als Beleg für die Reife des Sängers werten. Gemessen an den von Adam Green selbst gesetzten Maßstäben, fällt "Friends of Mine" aber weit zurück. Jeffrey Lewis hingegen hat offenbar nicht vor, in den Tonstudios Karriere zu machen. Ein kurzer, schöner Song seines Albums hat den Titel "Don't Let the Record Label Take You Out to Lunch". Vielleicht hätte er ihn Adam Green vorsingen sollen.

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