28.10.2010 · Pop geht auch auf deutsch: Nach einer beispiellosen, dreißig Jahre anhaltenden Karriere ist Annette Humpe die erfolgreichste Pop-Musikerin und Produzentin Deutschlands. An diesem Donnerstag wird sie sechzig Jahre alt.
Von Uwe EbbinghausNoch heute schwärmt Jonathan Franzen von einer Band, die er Anfang der Achtziger während seines Deutschlandaufenthalts im Berliner Olympiastadion sah. Ihre Frontfrau war Annette Humpe, die Band hieß „Ideal“ und wurde zu einer der Gründungszellen der Neuen Deutschen Welle. Es ist bezeichnend, dass ein Ausländer wie Franzen, der nach Berlin gekommen war, um die deutsche Literatur zu studieren, ausgerechnet von dieser Gruppe und ihren Texten angezogen wurde. Auch für viele Deutsche muss es in Zeiten des Kalten Krieges ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein, eine Band zu erleben, die deutsche Texte mit innovativer Musik aus Amerika und England (New Wave, Punk) kombinierte und das Ganze äußerlich mit deutschen Klischees wie dem rollenden „R“, kaltem Schneid und luxusfeindlichem Protestantismus verband.
Wenn man eine Leistung Annette Humpes, die nach einer beispiellosen, jetzt schon dreißig Jahre anhaltenden Karriere als erfolgreichste Pop-Musikerin und Produzentin Deutschlands dasteht, hervorheben müsste, dann wäre es wohl der synthetische Akt, den sie immer wieder in ihrer Musik vollzieht. So hat sie die Neue Deutsche Welle zwar nicht alleine erfunden, und schon vor ihr hatten Musiker wie Udo Lindenberg, Nina Hagen oder „Ton Steine Scherben“ bewiesen, dass man Rock und Pop in deutscher Sprache machen kann, keinem aber gelang die stoßhafte Popularisierung von „Ideal“.
Es war ihre letzte Chance
Im Grunde kann man die Karriere Annette Humpes als die Laufbahn einer Frau lesen, die ihr Talent verzögert, dafür aber umso zielgenauer entfaltete. Als sie mit Ideal 1980 den künstlerischen Durchbruch schaffte, war die abgebrochene Klavier- und Kompositionsstudentin bereits dreißig Jahre alt. Hinter der Kraft und Selbstverständlichkeit, die sie bei ihren von größtem Lampenfieber begleiteten frühen Bühnenauftritten ausstrahlt, meint man die angestaute Kreativität einer Frau zu erkennen, die nach einer inspirierenden Amerikareise, auf der sie Bands wie „Talking Heads“ und „Devo“ gesehen hatte, mit einer musikalischen Idee im Gepäck zurückkehrte und ihre letzte Chance wittert.
In einer ähnlichen Situation steht sie nach dem kommerziell enttäuschenden „Solo“-Album von 1990, Jahren des erfolgreichen Produzierens und Betextens von Rio Reiser, Udo Lindenberg, den „Prinzen“ oder „Lucilectric“ und der beruflichen Zwangspause nach dem schweren Unfall ihres Sohns im Jahr 2001. Auch an diesem Wendepunkt, als privat das Schlimmste überstanden ist, gelingt ihr mit dem ungleichen Pop-Duo „Ich + Ich“ ein musikalischer Überraschungserfolg, der umso bemerkenswerter ist, als er den Gegenentwurf zu „Ideal“ darstellt. Humpe selbst beschreibt das neue Projekt, in dem sie nur noch mit zarter Knabenstimme oder im ätherischen Hintergrundchor zu hören ist, als spirituelle Trostmusik.
Ohne große Stimme ein reiches Ausdrucksspektrum
Sie kombiniert Soul- und Hiphop- mit Sphären-Klängen und Texten über bleibende Liebe. Doch die Harmonieseligkeit, die „Ich + Ich“ ausstrahlt, wurde vor wenigen Wochen durch die nächste typische Humpe-Volte gestört: Das Duo gab seine Auflösung bekannt, Sprachregelung: „Kreativpause“. „Man muss loslassen können“, kommentiert die bekennende Buddhistin Humpe. Mühelos lassen sich ihre pointierten Songtexte aus den Pop-Annalen herausziehen, unter ihnen mit „Berlin“, „Blaue Augen“ oder „Ich küsse Ihren Mann“ einige der wohl besten in deutscher Sprache.
Die Tatsache, dass diese raffinierte Sängerin, die auch ohne große Stimme über ein unendlich reiches Ausdrucksspektrum verfügt, kaum mehr singt und in Zukunft vermehrt schreiben will, müsste man lautstark bedauern - wenn man nicht das Gefühl hätte, dass ein Einspruch bei Annette Humpe, die genau weiß, was sie tut, und damit meistens richtig liegt, völlig aussichtslos bliebe.
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Klaus Mueller (Jeeves3)
- 28.10.2010, 17:29 Uhr