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Musik von AnnenMayKantereit : Man trinkt laut Bier bis kurz nach vier

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Christopher Annen, Malte Huck, Severin Kantereit und Henning May (v.l.n.r.), Musiker der deutschen Band AnnenMayKantereit Bild: dpa

Die deutsche Nachwuchsband AnnenMayKantereit ist gerade in aller Munde. Aber wofür stehen eigentlich ihr selbstmitleidiger Habitus und ihre leicht missglückte Lyrik?

          Die Stimme von Henning May ist herausragend, und seine Band gilt manchen schon als Stimme ihrer Generation. Wer in den letzten Wochen Zeitung gelesen oder Radio gehört hat, konnte kaum an der Gruppe mit dem holprigen Namen AnnenMayKantereit und ihrem Album „Alles Nix Konkretes“ vorbeikommen. Zu ausschweifend waren die Lobeshymnen in den Feuilletons, zu häufig die Vergleiche mit Ikonen wie Rio Reiser.

          Die drei Jungs haben nach der Schule angefangen, auf der Straße und auf Youtube gemeinsam Musik zu machen, anstatt um die Welt zu reisen oder sich für irgendetwas mit Medien einzuschreiben. Dafür, dass Christopher, Henning und Severin direkt von der Straße kommen, haben sie jedoch ziemlich bürgerliche Namen. Namen, wie sie auch die Twentysomethings tragen, um deren Selbstzweifel es in ihren Liedern geht. Auch deshalb konnte die Selfmade-Band sich wohl innerhalb von fünf Jahren ohne Album, aber aus eigener Kraft („Wir wollten alles auch mal selber machen“) direkt in die Herzen der deutschen Kleinstadtjugend spielen. Doch wie ist die Musik hinter der soliden Inszenierung, die vermitteln soll, dass AnnenMayMantereit einfach „total authentische Musik“ machen?

          Da stechen zunächst die erschreckend banalen Texte ins Ohr, die Henning May mit seiner tatsächlich außergewöhnlichen Stimme ins Mikrofon hobelt. Es stimmt, dass Popmusik wohl kaum an ihrer inhaltlichen Tiefe gemessen werden kann, aber der vor Selbstmitleid triefende Habitus der Band stellt die an Spoken Word erinnernden Binnenreime hierbei so unglücklich aus, dass man geradezu darüber stolpern muss: „In meinem neuen Zimmer stehen noch immer die Kartons halb ausgepackt / und die Wand ist nackt / und über mir trinken lauter laute Leute Bier bis kurz nach vier / und ich bin abgefuckt.“

          Alle zwölf Lieder des ersten offiziellen Albums - immerhin betreut vom Tocotronic-Produzenten Moses Schneider - drehen sich dabei um den ziemlich konkret umrissenen Mikrokosmos eines Studenten zwischen Trennungsschmerz, Orientierungslosigkeit und der Hassliebe zum immergleichen lyrischen Du. Darauf versammeln sich also all jene in Balladen gepresste Probleme, die einen umtreiben, wenn man „in ’ner Altbauwohnung“ lebt und sich nicht sorgen muss, wovon man die nächste Miete bezahlt. Fans dürften die Hälfte der Songs bereits von Konzerten und der EP „Wird schon irgendwie gehen“ kennen. Scheinbar musste einiges recycelt werden, um ein ganzes Album zu füllen.

          So auch die ansatzweise rockige Nummer „21, 22, 23“, der etwas mehr Empörung durchaus gut gestanden hätte. Vor allem, wenn May seine Hörer anblafft: „Und manchmal wirst du melancholisch / im Straßenlaternenlicht / am Wochenende gehst du feiern / und machst dich natürlich dicht / und du hältst deine Träume absichtlich klein / um am Ende nicht enttäuscht zu sein.“ Doch das Lied endet, bevor die Bridge bei „30“ ankommt, und versandet in der Resignation, dem wahrscheinlich einzigen Gefühl auf dieser Platte. Und so bleibt auch dieser Track gefangen in dem auch musikalisch eng geschnürten Korsett eines Kölner Mittzwanzigers, der wohl selbst nicht weiß, was er will („Hauptsache, nicht Mitte dreißig“) und nur zufällig auf die großen Festival- und ausverkauften Tourneebühnen gestolpert ist.

          Dazu lässt die mittlerweile vierköpfige Band - Bassist Malte Huck ist 2014 dazugestoßen - die obligatorischen Mollakkorde schwerfällig und ein wenig zu gleichgültig über den Rhythmus purzeln. Dieser überrascht allerdings noch seltener als die jazzige Trompete in „Bitte bleib“ oder Mays Mundharmonika. Die rauhe, dann aber auch wieder honigweiche Stimme des Frontmanns kann als symptomatisch für eine Jugend gelten, der es so gut geht wie keiner zuvor. Dabei scheint sie jedoch an den alltäglichen Hürden des Neuköllner Individualismus zugrunde zu gehen. Alternativen will AnnenMayKantereit nicht aufzeigen.

          Aber sollte ihre irgendwie laszive Gleichgültigkeit sie tatsächlich schon zum Aushängeschild einer Generation machen? Ganz ähnlich wie die österreichische Popband Wanda verstehen die jungen Kölner es ausgezeichnet, mit ihrem ostentativen Desinteresse die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Vergleich mit Rio Reiser ist jedoch mehr als töricht, da es zurzeit kaum eine Band geben dürfte, die weltfremdere Musik macht als AnnenMayKantereit. Das Album „Alles Nix Konkretes“ bietet weder elaborierte Bilder gegen den Weltschmerz, noch taugt es für verregnete Liebeskummersonntage. Stattdessen bleibt es ziemlich belanglose Jungsmusik.

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