27.04.2007 · Sie ist stark geschminkt, beängstigend dünn und tattooübersät. Sie sei alkoholkrank, leide unter Bulimie, Anorexie, Depressionen und rauche zu viel Haschisch, sagt Amy Winehouse selbst. Eine Soulsängerin mit Punk-Allüren.
Von Heiko BehrIm Herbst des vergangenen Jahres tauchte in den englischen Boulevardblättern plötzlich eine junge Frau auf. Stark geschminkt, mit toupiertem Haar, beängstigend dünn, tattooübersät. Sie sei alkoholkrank, leide unter Bulimie, Anorexie und Depressionen, rauche zu viel Haschisch. Ihr Ende sei absehbar. Die dreiundzwanzigjährige Londonerin Amy Winehouse machte dem Skandalrocker Pete Doherty und seiner Model-Freundin Kate Moss Konkurrenz in Sachen drogenabhängiger Medienpräsenz. Nun fiel dieser Aufmerksamkeitsschub in die Promotionphase ihres zweiten Albums „Back to Black“ - ein konzertierter Coup eines cleveren Marketingteams?
Genau drei Jahre zuvor hatte die Soulsängerin mit ihrem Debüt „Frank“ in England zwar reichlich verkauft, zeigte sich aber bereits kurz darauf unzufrieden mit dem künstlerischen Ergebnis; das Label habe zu viel Einfluss genommen. Ein ungewöhnlicher Schritt für eine Newcomerin. In Interviews legte sie nach und plauderte unbefangen über die Vorteile zufälliger Sexbekanntschaften und ihren Drogenkonsum.
Für eine Jazzsängerin - purer Punkrock
Spätestens jetzt stellte sich heraus, dass zwischen der Persönlichkeit der Künstlerin und ihrem Produkt eine Kluft bestand: „Frank“ war eine etwas handzahme Melange aus Jazz, Pop und domestizierten Hip-Hop-Beats - Amy Winehouse war ein ungezähmter, wilder Spätteenager mit Sinn für Theatralik und einer Schwäche für Motown-Soul. Nein, auch wenn die Musik es nahe legte, Amy Winehouse ist nicht die englische Antwort auf die etwas biedere Norah Jones. Für eine Jazzsängerin ist sie purer Punkrock.
Insofern sollte man den Wirbel um sie nicht nur als Versuch verstehen, neue, jüngere Käuferschichten anzusprechen. Mit ihrem zweiten Album nähert sich ihr Sound vielmehr ihrer Persönlichkeit an. Und „Back to Black“ ist eine großartige Platte geworden, im Zentrum dabei stets ihre rauchige, voluminöse Stimme. Die unausweichlichen Vergleiche mit Mary J. Blige oder Macy Gray greifen dabei jedoch im Grunde zu kurz. Billie Holiday oder Shirley Bassey wären bessere Referenzen.
Die Songs sind kratziger und gleichzeitig federnder, swingender geworden. Soul mit kräftigen Bläsersätzen, Ska-Einflüsse, mit deutlich knackigeren Hip-Hop-Beats im Rücken. Ob sie jemals Popmusik gehört hat? „Nein, niemals. Abgesehen von der Zeit, als ich sechs oder sieben war, da mochte ich Kylie Minogue und Madonna.“ Schon die erste Single „Rehab“ ist ein Klassiker: zeitloser Sechziger-Jahre-Soul im zeitgenössischen Soundgewand. „They tried to make me go to rehab / I said, ,No, no, no'“, singt sie, eine Reaktion auf die Forderung ihres Beraters, endlich eine Selbsthilfeeinrichtung aufzusuchen. Ihre Problemlösung: „I always keep a bottle near.“ Kurz darauf feuerte sie ihr Management. Und heimste einen Brit Award als beste Sängerin ein. Sie wird allein gut zurechtkommen.
Diese Frau hat Style
Claudia P. (Perrole)
- 27.04.2007, 16:34 Uhr