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Amy Winehouse Die Rohe unter den Gekochten

11.02.2008 ·  In ihrer bisherigen Karriere tat sie alles, um dem Quarantäneprinzip und der inszenierten Verruchtheit des Popgeschäfts entgegenzusteuern. Und auch bei der Grammy-Verleihung blieb Amy Winehouse abwesend - „aus logistischen Gründen“, wie es hieß.

Von Thomas Thiel
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Wenn man das Genre Soul im Wortsinn nimmt - und es ist unter neurowissenschaftlichen Diskursmajestäten nicht leicht geworden, unbefangen von der „Seele“ zu reden -, wird man bei seinen neueren Protagonistinnen, heißen sie Joss Stone oder Rihanna, misstrauisch werden: Wer sie in makellos einstudierter, lasziver Körpergebärde über die Konjunkturen ihres Seelenlebens Geständnis ablegen hört und dabei das Stichwort von der seelenlosen Musikindustrie im Hinterkopf behält, wird derjenigen Interpretin einen höheren Kredit einräumen, die in diesem reibungsfreien Mechanismus zuweilen strauchelt, aus der Reihe tanzt oder, in kapriziösen Rhythmen, von Lustlosigkeit befallen wird.

Die Rede ist damit zwangsläufig von Amy Winehouse, die in ihrer bisherigen Karriere alles tat, um dem Quarantäneprinzip und der inszenierten Verruchtheit des Popgeschäfts entgegenzusteuern. Bei der vierundzwanzig Jahre alten britischen Soulsängerin geht alles ins Steile und Absturzgefährdete: ihr jäher Karriereverlauf, ihre hochgetürmte Bienenkorbfrisur, ihr verwegen nach oben gezogener Lidstrich. Über allen Eskapaden, die ihre Karriere im vergangenen Jahr zu einer Abfolge von Entziehungskuren, Drogenprozessen und alkoholisierten Konzertauftritten werden ließen, erhob sich bisher meist zuverlässig eine voluminöse, rauchige Stimme, die ihr auch im Exzess bleibende Bewunderung eintrug und die dem Soul in der Form eines reuevollen und gleichzeitig uneinsichtigen Bekenntnisses seine Harmlosigkeit nahm.

Botschaft aus London

Wird sie erscheinen, und wenn ja, in welchem Zustand?, lautete die stereotyp geraunte Frage vor ihren letzten Konzerten. Bei der Grammy-Verleihung in Los Angeles erschien sie nicht, obwohl sie dort mit fünf Auszeichnungen bedacht wurde, unter anderem für ihr Album „Back To Black“ und den Song „Rehab“. Während der vierfach dekorierte amerikanische Rapper Kanye West und die unverwüstlichen Foo Fighters ihre Grammy-Trophäen in die Kameras hielten, blieb Amy Winehouse „aus logistischen Gründen“, wie es hieß, in London.

Erst kurz zuvor hatten ihr die Vereinigten Staaten die Einreiseerlaubnis erteilt, die sie ihr vorher wegen ihrer Drogenabhängigkeit verweigert hatten. Ähnlich geisterhaft wie die Begründung ihrer Abwesenheit war Winehouse' Telepräsenz per Satellitenschaltung. Aus einem in plüschiges Schwarz-Rot getauchten Theater stattete die hypnotisiert wirkende Sängerin trotzig ihren Dank ab, intonierte kaum weniger emotionslos ihren Song „Rehab“ und vermittelte den Eindruck, auch mit Grammy-Verleihungen nicht viel gemein haben zu wollen.

Quelle: F.A.Z., 12.02.2008, Nr. 36 / Seite 40
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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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