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Alicia Keys Die letzte Königin

17.12.2009 ·  Das Dutzend Grammys traf nicht die Falsche, aber mit ihrem neuen Album droht Alicia Keys in seichteres Fahrwasser zu kommen. Wer soll sich im Mainstream dann noch um die Ehrenrettung des Soul kümmern?

Von Sven Beckstette
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Unter den Soul- und R & B-Diven verkörpert Alicia Keys den Typus der Vollblutmusikerin. Versehen mit einer klassischen Klavierausbildung, schreibt und produziert die Tochter einer italoamerikanischen Mutter und eines schwarzen Vaters ihre Stücke meistens selbst. Bei ihren Auftritten stehen nicht rasante Kostümwechsel und einstudierte Tanzeinlagen im Vordergrund; die Achtundzwanzigjährige sitzt über weite Strecken des Programms hinter ihren Tasteninstrumenten und hat augenscheinlich großen Spaß daran, mit ihrer Band auch einmal ordentlich loszujammen. Und während ihre Kolleginnen ihren stimmlichen Ausdruck ständig durch unsägliches Vibrato zu übertreiben versuchen, ist der Vortrag von Alicia Keys wohltuend geradlinig und ungekünstelt.

Da versteht es sich praktisch von allein, dass die New Yorkerin auch gegen die immer noch grassierende Auto-Tune-Seuche immun ist. Kurz gesagt: Nachdem Lauryn Hill irgendwann auf der Strecke geblieben ist und Erykah Badu nur alle paar Jahre neues Material herausbringt, gilt die mit stetiger Regelmäßigkeit eine Platte nach der anderen veröffentlichende Keys deshalb als Gegenmodell zur glänzenden Welt der Plastikprinzessinnen im Fach afroamerikanischer Musik.

Verhaltener Jubel

Jetzt hat Alicia Augello-Cook, wie sie gebürtig heißt, ihr viertes Studioalbum in acht Jahren vorgelegt. Im Gegensatz zu den Vorgängern fällt der Jubel über „The Element Of Freedom“ allerdings ein wenig verhaltener aus. Das war so nicht abzusehen: Denn erst vor ein paar Wochen hat Keys mit „Million Dollar Bill“ einen der wenigen wirklich konstruktiven Beiträge zum Comeback-Album von Whitney Houston abgeliefert. Und Rap-Superstar Jay-Z hat sie gerade mit der Hymne auf New York „Empire State of Mind“ in die Hitparaden katapultiert.

Mit den vierzehn Stücken von „The Element Of Freedom“ entfernt sich Keys bislang am weitesten von ihren Wurzeln in der afroamerikanischen Soul-Tradition. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden, denn schließlich gelingen ihr einige großartige Pop-Perlen: Ungewohnt synthesizerlastig fällt beispielsweise „Try Sleeping With a Broken Heart“ aus, das dem manchmal etwas wohltemperierten Klang angenehm unterkühlte Seiten abgewinnen kann. Und auch „Un-Thinkable“ beeindruckt mit einer fein austarierten Balance aus elektronischen Rhythmen gepaart mit harmonischen Gesangsschichten und Klavierakkorden. „My Bed“ schließlich entpuppt sich als gekonnte Hommage an Altmeister Prince mit einem Beat direkt aus dem Jahre 1984.

Banale Schmachtnummer

Die Probleme liegen bei den Balladen, von denen es auf der Platte nicht nur eindeutig zu viele, sondern vor allem zu einförmige gibt. Da klimpert das Piano eingangs immer gefühlvoll-geschmäcklerisch vor sich hin, bevor das Stück erwartbar dramatisch anschwillt, um dann wieder sanft abzuklingen. Wenigstens wird auf den sonst obligatorischen Tonartwechsel verzichtet. Mit der Single „Doesn’t Mean Anything“ und mit „Distance and Time“, einer rundum banalen Schmachtnummer für alle getrennten Liebenden, spielt Keys jedenfalls deutlich unter ihrem Niveau.

Spätestens in diesen Momenten zeigt sich, dass es doch kein Fehler des iTunes-Programms war, die Platte in der Genreliste als Easy Listening zu klassifizieren. Wo der Stilwechsel einmal enden könnte, dafür gibt es bereits erste Hinweise: Angeblich soll Alicia Keys mit Disney einen Vertrag über einen Animationsfilm geschlossen haben. Wenn es ihr also tatsächlich darum gehen sollte, kitschige Flach-Pop-Ware für einen Zeichentrick-Blockbuster à la Elton John schreiben zu wollen, dann ist sie mit ihrem neuen Album auf dem richtigen Weg. Es bleibt allerdings zu fragen, wer sich im Mainstream dann noch um die Ehrenrettung des Soul kümmern soll.

Alicia Keys, The Element Of Freedom. 76309 RCA/Jive (Sony Music)

Quelle: F.A.Z.
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