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Veröffentlicht: 10.02.2017, 15:58 Uhr

Album der Woche: Ty Segall Rumms, schepper, klirr

Ty Segall, dem Garagenrock-Alleskönner aus San Francisco, ist angesichts der Trump-Wahl zum Heulen zumute. Doch in seiner Musik lässt er sich nicht beirren. Sie macht die Welt lauter und schöner.

von Alexander Müller
© dpa Geschüttelt, gerührt: Ty Segall

Auf den Spülkasten der Toilette hat jemand Ty Segalls Namen gekritzelt. Der Mann, der sie von einer Rampe in den Hinterhof schubst, ist kein Geringerer als Steve Albini, eine Produzentenlegende der alternativen Rockmusik. Ty Segall gibt dem zerberstenden Klo mit einer Axt den Rest. Als das Video dieser Lausbuberei vor knapp drei Monaten im Netz auftauchte, suchten Kommentatoren nach versteckten Hinweisen auf ein bald erscheinendes, neues Album von Segall. Sind da im Dunkel des Gebäudes nicht ein paar Mikrofone und ein Laptop zu sehen? Bahnt sich da gar die Gründung eines Super-Duos an?

Als müsste man sich um die Schaffenskraft des Tausendsassas ernsthaft Sorgen machen. Denn an einer Schreibblockade leidet Ty Segall offenkundig nicht. Sein neues Album heißt wie er und damit auch wie sein Solo-Debüt von 2008. Es ist das neunte Studiowerk unter eigenem Namen, daneben hat der Garagenrock-Fex aber auch etliche Platten mit anderen Künstlern wie White Fence oder seinen Nebenprojekten Fuzz, Epsilons, Party Fowl, The Traditional Fools, The Perverts, Sic Alps oder Gøggs veröffentlicht. Nur die Diskographie von Billy Childish ist noch unübersichtlicher.

© KCRW Ty Segall spielt „Break A Guitar“ vom neuen Album live bei KCRW

Dass jemand viele Songs schreibt, heißt natürlich noch lange nicht, dass er auch gute Songs schreibt. Genauso wenig wie man dem mickrigen Schaffen eines jahrzehntelangen Grüblers automatisch Tiefsinn zuschreiben sollte. So produktiv der Kalifornier und passionierte Surfer im Studio und auf der Bühne ist, so selten äußert er sich in den sozialen Medien. In der Beziehung ist er altmodisch; er glaubt doch glatt noch an den gepflegten Plausch unter Nachbarn. Auf seinem Twitter-Account herrschte demgemäß über zwei Jahre Funkstille, bis das Schweigen anlässlich der Trump-Wahl gebrochen wurde. Er habe sich die Seele aus dem Leib gekotzt und sei am nächsten Morgen weinend aufgewacht, teilte Segall mit, um sodann trotzig zu behaupten, dass diese Welt dennoch ein schöner Ort sein könne.

Vogelwilde Energie

Segall spielt Gitarre, Schlagzeug, Keyboard und singt natürlich. Vor allem aber spielt er Gitarre, elektrisch oder akustisch. Er entlockt ihr sowohl liebreizende als auch lärmende und quengelnde Töne, oft innerhalb ein und desselben Songs. Für die Aufnahme von „Ty Segall“, live mit Band eingespielt, hat er sich die Unterstützung alter Spießgesellen geholt: Gitarrist Emmett Kelly, der nicht nur mit ihm, sondern auch oft mit Bonnie „Prince“ Billy zusammengearbeitet hat, Bassist Mikal Cronin, Schlagzeuger Charles Moothart und Ben Boye an Klavier und Wurlitzer. Es ging also darum, nicht im Alleingang im Studio zu tüfteln, sondern im Zusammenspiel mit anderen einen eigenen Sound zu finden, Sachen auszuprobieren, auch einmal ausführlich zu jammen. Ein Ergebnis einer solchen Jamsession heißt „Warm Hands (Freedom Returned)“, ist über zehn Minuten lang – eine Ausnahme unter den sonst eher kurzen Songs – und erweist den Psychedelikern von The Grateful Dead die Ehre. Dieser Ikone der amerikanischen Gegenkultur eifert heutzutage kaum jemand nach, der etwas auf sich hält, doch bei Segall geht das Experiment gut: ein an- und abschwellernder Rocksong, eine Lektion in Sachen Spontaneität und Präzision, dann wieder ein Ruhepol, ein Schlingern, ein vogelwilder Energieschub.

„Break A Guitar dagegen klingt mit seinen tiefen, verzerrten Gitarrenriffs nach Grunge, feuchten Kellerwänden und lustvoller Zerstörung, während „Orange Color Queen“ das Gegenteil repräsentiert: eine weitgehend akustische Liebeserklärung an Segalls orangehaarige Freundin Denée, deren Gegenwart unter anderem seine leichte Flugangst lindert: „Oh, you’re a tree inside of an airplane“, singt der Vielflieger mit Kopfstimme. Ein Baum im Flugzeug also. Segalls Vorliebe für solch schillernde, zum Absurden neigende Sprachbilder rührt vermutlich von seinen Vorbildern her. Auch Marc Bolan von T.Rex, dem er zahlreiche Coverversionen gewidmet hat, und der David Bowie der Ziggy Stardust-Ära mochten es enigmatisch bis verworren. Deren Glam Rock hat Segall musikalisch ebenso verinnerlicht wie den Proto-Punk der Stooges, frühen Heavy Metal, den Country Rock der Westküste, Space Rock, Beatmusik und und und.

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Erstaunlich ist, dass „Ty Segall“ trotz all dieser hörbaren Inspirationsquellen nicht wie epigonales Stückwerk wirkt. Das Album ist abwechslungsreich und originell; es macht die Welt zu einem schönen, lauten Ort voller Überraschungen. In „Thank You Mr. K“ zum Beispiel führt das vertraute Geräusch einer zu Bruch gehenden Toilette mitten im Lied zu einem Moment der Irritation. Kaum ist er vorbei, lärmt die Band weiter, als gäbe es kein Morgen. Ty Segall kann sich solche Sperenzchen erlauben. Der Vielschreiber hat einfach viele gute Songs geschrieben.

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