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Album der Woche : Mit dem Blues gekämpft – und gewonnen

Wer erkennt ihn noch? Rick Springfield, hier bei einem Auftritt 2017. Bild: Picture-Alliance

Als Rock noch hart war, wurde Rick Springfield als Softie verlacht. Heute kann man das entspannter sehen – und darüber staunen, was dieser wieder aufgetauchte Altstar aus einem Flirt mit dem Bluesgenre macht.

          Rick wer? Die Frage ist erlaubt. In den frühen und mittleren Achtzigern hätte man sie kaum stellen müssen, da war Rick Springfield mit „Jessie’s Girl“ und „Love Somebody“ , dann auch noch als Fernsehschauspieler („General Hospital“) weithin bekannt, wenn auch vielleicht von manchen als Softie und Schönling, als Popper verlacht. Aber wenn man die Äußerlichkeiten mal weglässt und nur zuhört, wird man kaum sagen können, dass Lieder wie eben „Jessie’s Girl“ oder „What Kind of Fool am I“ viel schlechter wären als manche von Bruce Springsteen oder Billy Joel. Schwieriger wird es dann schon bei Springfields „Celebrate Youth“ (1985) und manchen späteren Stücken; die waren dann, auch abgesehen von der Mode, Schulterpolster-Rock für das ZDF-Glitzermikrofon.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Pop-Rock der achtziger Jahre hat historisch einen schweren Stand, weil er sozusagen von vorne und von hinten kritisch beäugt wird: Im Gegensatz zur Produktion der Jahre davor wirkt er eben oft softer (das zeigt zum Beispiel der direkte Vergleich anhand des Songs „I’ve Done Everything for You“, im Original von Sammy Hagar, gecovert von Rick Springfield), dazu kommen noch die ästhetischen Irrwege der technisch veränderten Musikproduktion mit hanebüchenen Klangeffekten. Und das zusammen ergibt wiederum das Feindbild, von dem sich der „Alternative Rock“, also insbesondere viele Bands der frühen Neunziger, massiv und teils mit Hassgesten abgegrenzt hat.

          Heute kann man das vielleicht wieder entspannter sehen – auch weil der weltweite Castingshow-Pop noch so viel Schlimmeres bereithält, als man sich je hätte ausdenken können. Im Vergleich zu Ed Sheeran macht Rick Springfield definitiv Hard Rock, vielleicht sogar Art Rock.

          Tief im Genre

          War Springfield denn in der Zwischenzeit so ganz weg? Nein, er hat, wie auch Konzertvideos zeigen, wohl stets seine Fanbase gehabt, außerdem tauchte er gelegentlich in der Klatschpresse auf, einmal, weil er bei oder nach einem Sprung von der Bühne offenbar eine Frau mit seinem Hinterteil verletzt hatte. Und er hatte einen Gastauftritt in der Serie „Californication“.

          Womit man allerdings nicht gerade gerechnet hätte, ist, dass dieser Mann den Blues singen würde. Genau das macht er nun auf dem Album „The Snake King“. Bei manchen Liedern hört man förmlich die Tumbleweeds durch die Steppe treiben, so schnattert der Bottleneck über das Griffbrett. Die Lieder heißen „Judas Tree“ oder „Land of the Blind“, „The Devil That You Know“ oder „Little Demon“. Ganz klar, hier geht es tief ins Genre, in dem Teufelspakte seit je her eine große Rolle spielen.

          Mehr als Genre-Standards sind manche Songs musikalisch auch nicht, aber was überrascht, ist der lyrische Zynismus Springfields, der sich so manche Scheibe vom amerikanischen Folk- und Countrywitz abschneidet. Der Humor geht vor allem auf Kosten der Religion, wobei dann fast kabarettistische Lieder herauskommen: „Jesus was an Atheist“ oder „Santa is an Anagram“.

          Ein Ringkampf mit dem Blues

          Letztlich aber scheint dieser Zynismus einem harten Kampf abgerungen, wie man bei dem facettenreicheren, melancholischen „Blues for the Disillusioned“ merkt. Ein bisschen etwas von dem trotzig-triumphalen Gesangsgestus seiner Liebesleidlieder der Achtziger erobert sich Springfield dann doch wieder zurück. Wenn man den lustigen Songtitel „I Fought the Blues (And I Won)“ von den Deslondes einmal stehlen und übertragen darf: Rick Springfield, der zuletzt auch mit Lebensgeschichten über seine Depressionen an die Öffentlichkeit ging, um anderen Menschen in ähnlicher Lage Mut zuzusprechen, hat sich mit dem Blues einen ordentlichen Ringkampf geliefert und ihn auf die Bretter geschickt.

          Das erklärt vielleicht auch, warum das letzte Stück auf der Platte dann wiederum überraschend in ein anderes Genre drängt: Es ist eine zehnminütige Ballade namens „Orpheus in the Underworld“. Sie geht lyrisch fast in Richtung Bob Dylans, und stimmlich rückt sie Rick Springfield noch einmal in einen ganz neuen Kontext: Mit seinem leicht waidwunden, angekratzten Ton ist er plötzlich in allerbester Gesellschaft von Sängern wie Bob Seger, Eric Bazilian und Don Henley. „Me, I’m hanging out here / With my freak flag unfurled / Drinking wine with Orpheus in the underworld“.

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