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Veröffentlicht: 08.08.2016, 22:43 Uhr

Album der Woche Als der Blues mit dem Funk einmal Brüderschaft trank

Im ausgeruhtesten Groove lauert schon die nächste Ekstase: Das neue Album der Chris Robinson Brotherhood sorgt für pschyedelische Höhepunkte am laufenden Band.

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© Jay Blakesberg Entspannter kann man nicht sein: Chris Robinson (rechts) mit Band.

Wenn ein neues Buch erscheint, lies du ein altes, lautet eine goldene Weisheit von Arno Schmidt. Übertragen in die Sphäre des Pop könnte das heißen: Wenn alle um dich herum Plastikquatsch machen, besinne dich auf die Wurzeln deiner Musik.

Jan Wiele Folgen:

Chris Robinson scheint jedenfalls streng nach diesem Grundsatz zu leben. In den neunziger Jahren fiel die Ästhetik seiner Hippie-Rockband The Black Crowes inmitten des allgemeinen Siebziger-Revivals nicht besonders auf, obwohl die Musik außergewöhnlich gut war. Heute gehört schon etwas mehr Mut dazu, sich mit Teppichen zu behängen, seine Tochter Cheyenne Geneviève zu nennen und fast jedes Lied in ein mehrminütiges Gitarrensolo münden zu lassen.

Während die Black Crowes eine Zeit lang ziemlich erfolgreich waren, hat heute solche Musik aus welchen Gründen auch immer nicht mehr so viel Publikum wie damals. Diese Veränderungen des Massengeschmacks und der Musikindustrie scheinen den 1966 in Atlanta geborenen Robinson allerdings kein bisschen zu kratzen. Seit die Black Crowes sich eine Pause verordnet haben, macht er einfach (und teilweise auch mit denselben Musikern) in einem Kollektiv namens Chris Robinson Brotherhood weiter. Zu Beginn war das wohl fast eher eine Grateful-Dead-Coverband, deren Liveauftritte sich großer Beliebtheit erfreuten. Vermutlich nach dem Vorbild nennt sich die Bruderschaft jedenfalls „a psychedelic Rock Band from California“. Aber inzwischen hat sie auch sehr gute eigene Musik geschrieben.

© SiriusXM Chris Robinson Brotherhood: „Narcissus Soaking Wet"

Auf dem neuen Album „Anyway You Love, We Know How You Feel“ sind die Lieder noch ausschweifender geworden, die Musiker noch besser, und wie man die meist bärtigen, teils leicht ergrauten Herren auch anschaut, auf Fotos oder in Bewegung, sie wirken so tiefenentspannt, als kämen sie gerade aus einem Yoga-Retreat.

Zwischen Live-Auftritt und Studioarbeit besteht bei dieser Band kaum ein Unterschied, vielmehr sind ihre Alben einfach Session-Mitschnitte, die jüngsten beruhten sogar nicht mal auf fertigen Songs, sondern nur auf Ideen, die dann in der kollektiven Improvisation an Schärfe gewannen – und man darf sagen: zur Perfektion geführt wurden. Einen derart ausgeruhten und gleichzeitig hammerpräzisen Funk-Groove wie bei „Narcissus Soaking Wet“ hat man länger nicht gehört – im Kopfhörer erschließen sich der Bass und die diversen Klangschichten so großartig, dass man ganz außer sich geraten kann. Es gibt hier auch Gitarrensoli-Wettbewerbe unter den Musikern, die jene der großen Rockbands der Siebziger noch in den Schatten stellen.

Sehr markant im Klangbild des Albums ist ein Synthesizer, der an die Titelmelodie der Zeichentrickserie Doctor Snuggles erinnert. Er gibt dem Sound der Gruppe einen manchmal zwar fast lächerlichen, aber sehr vergnüglichen Zug des Retrofuturismus: Das weckt Erinnerungen an den Space-Sound eines Bootsy Collins oder George Clinton mit Parliament Funkadelic. Wenn Robinson über den abgefeimten Rhythmen dann auch noch virtuos Mundharmonika spielt, wird man natürlich auch an Stevie Wonder denken müssen.

Aber nur weil diese Band offene Hommagen an große Vorbilder in ihre Musik einmontiert, sollte man sie nicht leichtfertig als bloße Retro-Combo abstempeln. Denn gerade das neue Album erschließt stellenweise eine neue Stildimension, in der der Funk mit dem Blues Hochzeit feiert, dass es kracht. Und egal, wie viele Einflüsse man bei dieser Band auch entdecken mag, ein Element bleibt doch immer originell und einzigartig: die Stimme von Chris Robinson. Seit der Zeit von „Remedy“ oder „She Talks to Angels“ mit den Black Crowes hat sie nichts von ihrem Reizt eingebüßt: Sie kultiviert weiter diesen unnachahmlichen Ton zwischen Parlando und Klagegesang, der manchmal jeder einzelnen Silbe einen weinerlichen Einschlag gibt; dann wieder schwingt sie sich zur alles dominierenden Kraft in großen, von stattlichen Background-Chören unterlegten Refrains auf.

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Und wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die neuen digitalen Produktionsweisen in mancher Hinsicht analoge nie werden ersetzen können, dann findet man ihn auf diesem Album mit dem Song „Leave My Guitar Alone“, der, als er schon fast vorbei scheint, nochmal mit dem so herrlich verschleppten Schlagzeugspiel von Tony Leone zurückkommt – vollkommen ausgeruht und „laid back“, in gelassener Erwartung der nächsten Ekstase.

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