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Album der Woche : Das wird der Abend vor dem Morgen danach

Ja, die Sonne geht wirklich immer wieder auf: Inga Humpe und Tommi Eckart Bild: Astrid Grosser/DefNash Entertainment/dpa

Macht Party, als ob es 1993 wäre: Das neue Album von 2Raumwohnung schwelgt im Retrofuturismus. Es hat eine Tages- und eine Nachtseite, aber auf beiden dominiert Inga Humpes schöne Schlafzimmerstimme.

          Zwischen Euphorie und Kater liegt manchmal nur ein Augenblick. „Eben noch lustig - jetzt schon fort“, heißt es in einem Lied von Element of Crime, als ein kleiner Hund über Bord geht. Der Kippmoment ereignet sich in der Popmusik oft auch irgendwo zwischen „Saturday Night and Sunday Morning“, die gerne mal zusammen in einen Song gesteckt werden, in der Variante von Phil Collins sogar klanglich programmatisch gegeneinander ausgespielt.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Inga Humpe und Tommi Eckart hatten jetzt noch eine andere Idee. Sie sind offenbar der Ansicht, das prinzipiell jedes Lied eine Tag- und eine Nachtseite hat, und deshalb haben sie die Songs ihres neuen Albums konsequent in zwei verschiedenen Versionen aufgenommen: „Nacht und Tag“. Also einmal mit zuckenden Beats, einmal als Chillout-Gitarrenpop. Eben noch Disko, jetzt schon platt. In begleitenden Interviews haben sie zudem eine Art Katerstimmung verbreitet: Man könne jetzt angesichts der Weltlage nicht mehr so hedonistisch unterwegs sein. „Now Weltfrieden is on the run“, singt Inga Humpe. War das aber nicht schon immer so?

          Mehr Spaß als versprochen

          Sei's drum: Während Prince seinerzeit die Party-Utopie im damals noch fernen 1999 suchte, treten 2Raumwohnung nun die Flucht in die Vergangenheit an. „1993“ heißt der Eröffnungstrack des Albums, die Zahl wird auf Englisch gesungen. Deutsch und Englisch geraten öfter mal durcheinander in Humpes lustigen Lyrics. Die Musik dazu sind retrofuturistische Elektro-Grooves, zu denen man sich das Tanzen etwa so vorstellt wie auf der Party zu Beginn des Films „La grande Belleza“ in Rom. Aber hier geht es, auch wenn das nicht explizit gesagt wird, wohl eher um die Berliner Nachwende-Euphorie, jedenfalls um eine Zeit, in der es „Sommer auch im Winter“ war und alles möglich schien.

          Zu Humpes nach wie vor traumhaft schöner Schlafzimmerstimme surft man gern mit auf der Welle dieser Euphorie, auch bei anderen Stücken: „Ich bin die Bass Drum, Du bist der Bass" singt sie etwa, oder in einem sonderbaren Duett mit Dieter Meier von Yello namens „Bonjour Chérie“, das ebensogut vom raunenden Bariton Friedrich Liechtenstein stammen könnte: „The only thing we need is Grand Amour / So told me once Charles Aznavour“. Dafür, dass es eigentlich nicht mehr so viel Spaß geben sollte auf diesem Album, hat man hier doch einigen. Aber es stimmt, manchmal mischen sich auch melancholische Töne dazwischen, die von früheren Hits wie „Sexy Girl“ oder „36 Grad“ stark abweichen: „Somebody Lonely and Me“ davon am stärksten.

          Die Tag-Versionen der Lieder bringen diese Melancholie dann noch deutlicher hervor, sie unterscheiden sich nicht nur im Rhythmus, sondern manchmal auch in der Akkordfolge und Melodie, sind auch teils ganz neue Kompositionen, die ihren eigenen Reiz haben und wiederum anspielungsreich sind, die französische Gruppe Air kommt einem zum Beispiel in den Sinn. Und doch ertappt man sich dabei, dass es einen dann immer wieder zu den tanzbaren Nachtvarianten hinzieht. Muss man deswegen jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

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