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Album der Woche : Wiedergeboren als kaputte Spieluhr

Thom Yorke und Jonny Greenwood von Radiohead Bild: AP

Die Melodie am Ende des Lärms: Mit ihrem Album „A Moon Shaped Pool“ kehren Radiohead vorsichtig zu klassischen Songstrukturen zurück. Was bleibt, sind Technikmelancholie und der rettende Septakkord.

          Bitte, könnten Sie mal mit dem Krach aufhören, ich versuche hier etwas Ruhe zu bekommen von all den ungeborenen Küken im Kopf! Das ist ein Satz aus einem Lied von Radiohead, aber es könnte auch gut ein Satz über diese Band sein. Wenn es fiept und scheppert, ist es meistens Radiohead.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Fiepen war am Anfang noch Gitarren-Feedback und das Scheppern echtes Schlagzeug - so beim Debüt „Pablo Honey“ von 1993. Es wurde dann Schritt für Schritt durch digitale Klänge  und Geräusche ersetzt, während die britische Band auf den folgenden vier Alben federführend den Weg vom Independent Rock zum Post Rock wies: Auf „The Bends“ (1995) gab es zwar immer noch harte Gitarrenriffs („Just“), aber der Gesang wurde noch elegischer, mit waghalsigem Kopfstimmeneinsatz. „OK Computer“ (1997), eines der maßgeblichen Alben der Neunziger überhaupt, löste die Songstrukturen schon weiter auf und brachte auch Samples und Geräusche unidentifizierter Flugobjekte, schenkte einem aber eben trotzdem noch diese unglaublich eingängigen Melodien von „Karma Police“ bis zu „No Surprises“. Das Album „Kid A“  läutete das Millennium programmatisch mit Elektro- und Synthie-Sounds ein. Und „Amnesiac“ (2001) war dann das Album, bei dem viele sagten: Jetzt sind sie vollkommen verrückt geworden, das klingt ja, als ob ein Kleinkind auf dem Badezimmermüllereimer musiziert.

          Der Weg zum Lärm schien plausibel angesichts der typischen Themen in der Lyrik von Thom Yorke: Außenseitertum, Weltekel und der stets drohende Fall in den Wahnsinn, gerne auch gepaart mit Science-Fiction-Einflüssen. Aber trotzdem haben Radiohead inmitten der akustischen Zumutungen auch auf den folgenden Werken immer wieder Oasen der Eingängikeit geschaffen, die kurze schöne Melodie, den gelegentlichen rettenden Septakkord, die doch noch einmal wieder ausgepackte Zupfgitarre.

          Dass Yorke sich dabei, manchmal auch ironisch in den eigenen Songs, gegen das Label des ewigen Melancholikers wehrte, war wohl am Ende vergeblich - dazu hatte sich auch sein unvergleichlich trauriges Gesicht mit dem einen leicht hängenden Auge in zahlreichen Musikvideos viel zu tief eingeprägt. 

          Tagträumer lernen nie

          Wenn er jetzt auf dem neuen Album also von Tagträumern singt, die nie auslernen („Daydreaming“)  oder von den glasigen Augen des Tageslichts („Glass Eyes“), von der Panik, die einen beim Aussteigen aus dem Zug anfällt und  dann könnte man das für leicht abgewandelte Selbstzitate und somit künstlerischen Stillstand halten. Man kann aber auch einfach sagen, Radiohead täten das, was sie am besten können, und bewundern, wie Yorke und seine Band solchem Stoff immer wieder neue Songs abgewinnen - und solche Musikvideos wie das von Paul Thomas Anderson zu „Daydreaming“.

          Das Album „A Moon Shaped Pool“ verzichtet fast gänzlich auf Beats, es präsentiert frei schwebende Melodien und setzt bei den Arrangements des Gitarristen Jonny Greenwod, der zuletzt auch einige Soundtracks bestückt hat, verstärkt auf Streicher, mal zackig und modern wie beim Eröffnungsstück „Burn the Witch“, mal elegisch untermalend bei den träumerischen Stücken. Nach den Noise-Experimenten der vergangenen Jahre kann man fast von einer Rückkehr zu klassichen Songstrukturen sprechen - aber eben nur fast, denn Störsignale gibt es auch hier zuhauf. Das Album könnte als eine Art Zwilling von „Everyday Robots“, dem phantastischen Soloalbum des Blur-Sängers Damon Albarn, gelten: Auch hier herrscht eine tiefe Technikmelancholie, die an abstürzende Raumschiffe oder Rechner denken lässt. Fast überdeutlich wird das bei „Daydreaming“ inszeniert: Das Lied klingt wie auf einem defekten, stark eiernden Tonbangerät abgespielt.

          Die bei mehreren Songs unverfälscht aufgenommen, teils sogar etwas schrammelnden Westerngitarren evozieren hier erstmals bei Radiohead auch Verbindungen zum psychedelischen Folk der siebziger Jahre. Zusammen mit den Streichern kommt dann sogar mal ein fast schon symphonisches Werk wie „The Numbers“ dabei heraus, das mit seinem leicht souligen Gesang für Thom Yorkes Verhältnisse nahezu fröhlich gestimmt klingt.

          Für etwas Fiepen und Scheppern ist dann aber auch noch Platz. „Identikit“ könnte ein Nachfolger von „Idiotèque“ sein, führt also doch wieder in die Electronica-Phase, und Stücke wie „Ful Stop“ (die seltsame Schreibweise evoziert wie eh und je den Fehler im System, von dem Yorke gern singt) mit ihren seltsamen Breakbeats sind zu dicht, um sie auf die Schnelle richtig zu erfassen: Auch dieses Radiohead-Werk wird wie die meisten noch liegen, wirken, eiern müssen, ein paar Umlaufbahnen mindestens - allein schon um herauszufinden, welche Form ein mondförmiger Pool denn eigentlich hat.

          Radiohead: „A Moon Shaped Pool“. XL Recordings (erhältlich als Download und Stream, vorbestellbar auf Vinyl)

          Quelle: Faz.net

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