http://www.faz.net/-gsd-92sb0

Pop und Politik : Mit Rechten singen

Kaum einer hat so treue Fans wie Morrissey, der Sänger der Komplexe und des Unverstandenseins. Aber seine Provokationen vertreiben sie mehr und mehr. Bild: Patricia Kühfuss

Ist er ein Guter? Oder immer schon ein Böser? Oder sogar beides? Darf das sein, in der Popmusik? Oder darf das nur Morrissey? Jetzt hat er ein neues Album herausgebracht.

          Am Mittwoch dieser Woche ist der englische Popmusiker Morrissey in Berlin aufgetreten, in einem Club vor ein paar hundert Leuten. Es war ein Konzert für den Sender Arte, der es am Tag danach im Netz übertrug, irgendwann wird es auch im Fernsehen ausgestrahlt: Eine Stunde lang spielte Morrissey vor allem Songs aus seinem neuen Album „Low in High-School“, das Mitte November erscheinen soll und das, wie noch jedes Album des ehemaligen Sängers der weltweit angebeteten Band The Smiths, wieder ein Ereignis sein wird: Weil, je länger es diese Smiths schon nicht mehr gibt, die Phantomschmerzen größer und größer werden; ihre letzte Platte, „Strangeways, Here We Come“, liegt in diesem Herbst schon dreißig Jahre zurück. Und zugleich ist da immer die Hoffnung auf wenigstens einen neuen Song von Morrissey, der mit den alten von den Smiths wie „Still Ill“ mithalten könnte. Oder auch nur mit den alten von Morrissey wie „Everyday Is Like Sunday“.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Diesmal aber ist die Lage kompliziert, komplizierter als je zuvor: Denn wir leben im Brexit, und Morrissey steht im Verdacht, dafür zu sein, weil er mal Sympathien für Nigel Farage geäußert hat, für den Demagogen und Spalter von der rechten Ukip-Partei, die entscheidend den Austritt der Briten aus der EU vorangetrieben hat.

          Auch schon zu Zeiten der Smiths hatte Morrissey immer mal wieder mit dem Union Jack kokettiert; seine Texte sind voller Beschwörungen eines ominösen Olde England der umrankten Friedhofsmauern, überspannten Bibliothekarinnen und eines keuschen öffentlichen Nahverkehrs. Aber weil Morrissey gleichzeitig ein militanter Vegetarier ist und darüber singt („Meat Is Murder“, 1985) und die Monarchie abschaffen will und darüber singt („The Queen Is Dead“, 1986), legte man ihm seine weiße Englishness lange als Exzentrik aus: als eine im Ästhetischen gründende Position eines Spezialgeschmacksmenschen. Als Künstlergerede, das man nicht ganz ernst nehmen muss, weil die Wahrheit eines Kunstwerks doch im Kunstwerk liegt und nicht im Künstler, diese Trennung lernt man doch schon in der Schule. Und die Kunst der Smiths war die einer Emanzipation aus menschlichen Unzulänglichkeiten, der Triumph des Schüchternen über alles Blöde, das immer schon im Besitz der Dinge gewesen ist, und wofür haben wir die Popmusik denn, wenn nicht, um das Blöde zu bekämpfen?

          Aber jetzt, Frühherbst 2017, hat Morrissey den sogenannten Bogen wohl überspannt: Bei einem Konzert für die BBC behauptete er Anfang dieses Monats zwischen zwei Songs, die Wahl des neuen Ukip-Vorsitzenden Henry Bolton sei geschoben gewesen, damit dessen Gegenkandidatin, die rechtsextreme und islamophobe Anne Marie Waters, nicht gewinnt. „It was very interesting to me to see Anne Marie Waters become the head of Ukip“, sagte Morrissey, „oh no, sorry, she didn’t. The voting was rigged. Sorry, I forgot.“ Damit bekannte er sich zwar weder zu der einen noch zum anderen oder gar zu Ukip, sondern setzte eine Verschwörungstheorie in die Welt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zähe Sondierungsgespräche : Das Luxusproblem von Jamaika

          Die Wirtschaft boomt. Auf dem Arbeitsmarkt läuft es rund. Flüchtlingszahlen wie vor zwei Jahren sind weit und breit nicht in Sicht. Wieso bloß, liebe Jamaika-Unterhändler, braucht es da endlos lange, zähe Sondierungsgespräche?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.