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Album der Woche : Das Album der Stunde zur Lage der Schwarzen in Amerika

  • -Aktualisiert am

Ihre Arbeit ist noch nicht getan: Mavis Staples Bild: Anti Records

Keine Zeit für Tränen: Mavis Staples zeigt mit „If All I Was Was Black“, wie wenig sich seit der Zeit der Bürgerrechtsbewegung verändert hat. Die Songs aus der Feder des Wilco-Sängers Jeff Tweedy handeln von Wut, Angst und Hoffnung.

          Ihre warme Stimme kann einladend und freundlich, aber auch bitter und scharf klingen; Gründe hat Mavis Staples dafür in jedem Fall mehr als genug. Seit knapp zehn Jahren arbeitet die Soul-Sängerin, die einst mit der Familien-Band The Staple Singers ihre Karriere begann, mit dem Wilco-Gitarristen Jeff Tweedy zusammen, der seitdem sämtliche ihrer Platten produziert hat und auch schon immer wieder ein paar Songs für sie geschrieben hat. Für das neue Album „If All I Was Was Black“ hat Tweedy seiner Lieblings-Sängerin nun aber alle zehn Songs auf den Leib geschrieben.

          Es ist ein konzentriertes und weitgehend schlackenfreies Album geworden, in dem neben Staples' grandioser Stimme und einer kleinen Rock-Band, die natürlich von Tweedys Gitarre beherrscht wird, nur noch ein paar gospelige Background-Stimmen die Akzente setzen. Und die Songs haben es in sich, denn der offene Rassismus, der in den Vereinigten Staaten nicht erst seit Trump wieder in die Schlagzeilen drängt und die „Black Lives Matter“-Bewegung ins Leben gerufen hat, wird in mindestens der Hälfte der Lieder thematisiert. Dabei wünscht Mavis Staples es sich ganz anders, wie sie in „No Time For Crying“ immer und immer wieder betont: „We've got work to do“.

          Staples hätte allen Grund zur Verzweiflung, denn schon in den sechziger Jahren befanden sich die Staple Singers an der Seite von Martin Luther King und engagierten sich in der Bürgerrechtsbewegung. Auch ihr größter Hit „Respect Yourself“ befeuerte die schwarze Emanzipation. Wie wenig sich seitdem im Alltag für die schwarze Bevölkerung Amerikas geändert hat, macht nicht nur die spektakuläre Neonazi-Demonstration in Charlottesville im August deutlich, bei der eine Gegendemonstrantin getötet wurde, sondern vor allem die zahlreichen durch Polizeigewalt umgekommenen Afroamerikaner in den vergangenen Jahren.

          Dem Hass begegnet sie mit Liebe

          "Nichts hat sich verändert", bestätigt auch Mavis Staples, und dieses düstere Fazit durchdringt dann auch einige neue Lieder. Der Auftakt "Little Bit" beschreibt eindringlich, wie sehr man als Afroamerikaner sein alltägliches Verhalten im Griff haben muss, um keinen Zwischenfall zu provozieren: „A little bit too high, a little bit too low, a little bit out of line, and my baby won't make it home“, heißt es dort, und dazu hören wir hinter einem Funk-Rhythmus eine absteigende Basslinie, die Gefahr zu signalisieren scheint. Das von einer scharfkantigen Gitarre dominierte „Who Told You That“ wird trotz seiner asketischen Struktur zu einer Hymne, die sich dagegen auflehnt, den Status quo zu akzeptieren. Und in „We Go High" nimmt Staples direkten Bezug auf das berühmte Zitat von Michelle Obama „When they go low, we go high“. Wie sehr gesellschaftliche Ungerechtigkeit die eigene Seele verdüstern kann, wird gleich in der ersten Zeile des ungemütlichen Songs „Try Harder“ deutlich. „There's evil in the world and there's evil in me“, singt Staples, und dazu prügelt Tweedy stark verzerrte Klänge aus seiner Gitarre.

          Doch Zorn und Bitterkeit sind nicht alles, was die Essenz von „If All I Was Was Black“ ausmacht. Lieder wie „Build A Bridge“ oder „Peaceful Dream“ deuten es bereits im Titel an. All dem Hass, der die amerikanische Gegenwart und Vergangenheit vergiftet hat, begegnet eine Soul-Ikone wie Mavis Staples natürlich mit Liebe. „Ich fühle Leidenschaft“, betont die Sängerin, „und ich möchte, dass meine Hörer dieselbe Leidenschaft spüren." Das schöne Duett, das sie sich in „Ain't No Doubt About It“ mit Jeff Tweedy gönnt, fasst noch einmal all die musikalischen Zutaten zusammen, die auch ihre früheren Platten so stark gemacht haben. Da hört man selbstverständlich Gospel und Soul, aber auch viel Rock; selbst Country-Einflüsse, die schon bei den Staple Singers fester Bestandteil des musikalischen Cocktails waren, sind auszumachen.

          Selbst den Glauben an die gesellschaftsverändernde Kraft der Musik hat Mavis Staples, die im Sommer 78 Jahre alt geworden ist, längst noch nicht aufgegeben. „Ich will die Menschen zusammenbringen“, sagt die Sängerin, „das ist zumindest meine Hoffnung. Ihr könnt mich nicht aufhalten. Diese Lieder werden die Welt verändern.“

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