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Album der Woche : Habt ihr das alles im Kasten?

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Früher lernte der HipHop vom Jazz, heute ist es umgekehrt: Makaya MaCraven Bild: David Marquez

Weltenharmonie: Makaya McCraven vereint auf seinem Album „Universal Beings“ Jazz aus vier Metropolen. Und er findet ein neues Gleichgewicht zwischen Jazz und Hip-Hop.

          Er kennt die Antwort schon, das Lächeln in der Stimme verrät es: „You guys got all that?“ Natürlich richtet Makaya McCraven diese Frage am Ende von „Universal Beings“ nicht an die Leute vom Ton, sondern an die Zuhörer. Und natürlich sollen diese sich ertappt fühlen. Denn auf Anhieb lässt sich längst nicht alles von dem erfassen, was der Schlagzeuger und Produzent hier neunzig Minuten lang vorführt. Für sein neues Album hat er mit einigen der talentiertesten Jazz-Musikern der Gegenwart festplattenweise Material aufgenommen.

          Im Anschluss machte er sich an die Arbeit eines modernen Laptop-Produzenten: erspüren der „Moments musicaux“, rekontextualisieren, verdichten. Vier Sessions sind auf „Universal Beings“ gelandet, aufgenommen in New York, Chicago, London und Los Angeles. Bei jeder Station spielte McCraven mit einer anderen Band. In der Doppelvinyl-Edition bekommt jede Stadt ihre eigene Seite.

          „Organic Beat Music“ nennt McCraven seinen Ansatz. Diese Bezeichnung wählt jemand, der die Hip-Hop-Produzenten J Dilla und Madlib ebenso zu seinen Hausgöttern zählt wie Miles Davis oder Tony Williams. Seit dem Album „In the Moment“, mit dem er sich 2015 selbstbewusst neben anderen Schlagzeugern mit Rap-Affinität wie Karriem Riggins positionierte, erreicht McCraven ein immer größeres und dabei auch noch bemerkenswert junges Publikum, wie man beim diesjährigen Jazzfest in Berlin sehen konnte. Die Lust am Überschreiten von Genregrenzen und die Weltläufigkeit sind in McCravens Biographie angelegt: Sein Vater ist ein us-amerikanischer Jazz-Drummer, der mit Avantgardisten wie Archie Shepp zusammenarbeitete, seine Mutter eine ungarische Folk-Sängerin. Geboren wurde McCraven in Paris, aufgewachsen ist er in New England, seit rund zehn Jahren lebt er in Chicago.

          Vielleicht noch mehr Wert als auf technische Finesse legt McCraven darauf, das klangliche Spektrum seines Schlagzeugs zu erkunden. Die Drums sind oft „straight-forward“ und auch der reichen House-Tradition seiner Wahlheimat hat er sich nicht verschlossen. Aber das ist alles andere als Musik für Afterwork-Partys. Immer wieder rumpelt und scheppert es und McCraven durchbricht genüsslich die selbst verordnete Hypnose. Gelungen ist ihm ein vielfältiges Album, das sich jenseits steriler Crossover-Offensichtlichkeiten bewegt. McCraven legt es nicht darauf an, das Ungestüme der Live-Momente wegzuretuschieren. Aber seine Nachbearbeitung verleiht den Improvisationen Kohärenz: Samples verschwinden und tauchen an anderer Stelle plötzlich wieder auf – oder sie formen Übergänge: etwa wenn McCraven das Tenorsaxophon Nubya Garcias im großartigen „Suite Haus“ zerlegt, um es anschließend liebevoll im rhythmischen Geäst von „The Newbies Lift Off“ drapieren zu können.

          Vibraphon, Harfe – und karibischer Funk

          Diese Methode verwischt auch die Grenzen zwischen den Städten. Die vier Teile des Albums unterscheiden sich eher in Nuancen: Die New Yorker Aufnahmen heben sich durch eine wolkige Instrumentation mit Cello, Vibraphon und Harfe ab. Wenn sich darunter wie auf „Black Lion“ McCravens hallige Drums ausbreiten, klingt das wie eine feingliedrige Version von Pete Rock & CL Smooth. Durch die Chicago-Seite zieht sich ein fiebriger Puls, der in erster Linie der rhythmischen Präsenz des britischen Saxofonisten Shabaka Hutchings geschuldet ist. Hier geht es dringlicher zu als an der Ostküste, hier wühlen sich die permanenten Akzente allmählich auf zu hartem karibischem Funk. In London, wo McCravens unbestreitbares Talent für Minimalismus einen Höhepunkt erreicht, erzeugt Ashley Henry mit seinem Rhodes einen Schleier, der den blanken Beat nur noch notdürftig verdeckt. Los Angeles ist demgegenüber weicher und direkter: und profitiert vom bemerkenswerten Talent der Bassistin Anna Butterss für melodiöse Prägnanz.

          McCravens Album macht deutlich, dass sich das Verhältnis zwischen Jazz und Hip-Hop gedreht hat. Orientierten sich früher viele Rapper an den Grooves von Blue-Note-Platten, um ihre Zeilen das Tänzeln zu lehren, greifen heute immer mehr Jazz-Musiker auf die erprobten Techniken der Beatmaker zurück. Der weltweite Erfolg des Saxofonisten Kamasi Washington hat zudem gezeigt: Die Nähe zum Hip-Hop ist schon allein mit Blick auf die öffentliche Aufmerksamkeit von Vorteil. Wer weiß schon, wie viel Interesse Washington ohne seine denkwürdige Präsenz auf Kendrick Lamars „To Pimp a Butterfly“ auf sich gezogen hätte.

          Während Washington aber seine Kraft aus dem ungezügelten Vorwärtstreiben aller Instrumentalisten zieht, hat McCraven das modulare Prinzip des Hip-Hop noch tiefer verankert. Das heißt: Kreise ziehen, statt Pfeile zu schießen. Das Denken in Samples und Loops prägt bei ihm bereits die Live-Improvisation. Solistische Virtuosität wird hier selten ausgestellt, Ekstase fast immer vermieden. Stattdessen stellt McCraven Atmosphären nebeneinander, schattiert und intensiviert den Klang der Band mit Geduld und Disziplin. Er ist weder interessiert daran, sich selbst in den Vordergrund zu spielen, noch daran, einen Wettstreit zwischen den Mitmusikern zu entfachen. Als „Universal Being“ bringt er den vielfältigen Input seiner Kollegen virtuos in Einklang – und wirkt dabei ziemlich entspannt.

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