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Album der Woche : Da lebt noch was im Beton

  • -Aktualisiert am

Auf den Vornamen Ronny verzichtet er jetzt: Trettmann. Bild: awhodat

Früher komponierte er Dancehall-Musik auf Sächsisch, heute ist Trettmann ein Beweis dafür, dass auch Deutschrap erwachsen werden kann. Sein Album „#DIY“ setzt statt Gangstergesten auf Herzlichkeit – und einen Hauch von Karibik.

          Trettmann schirmt sich ab: Mit Basecap und Sonnenbrille schützt er sich vor der Außenwelt. Seine Singstimme verzerrt er zudem so konsequent mit Autotune, bis er klingt wie ein fluffiger Cyborg. Dass seine Videos schwarzweiß gehalten sind, macht den „leidenschaftlichen Raver“ - so bezeichnet er sich selbst - noch unnahbarer. Auch das Cover seines aktuellen Albums „#DIY“ (Do It Yourself) ist in schwarzweiß. Doch anstatt auf der ersten Platte hinter seine Musik zurückzutreten, erzählt der im damaligen Karl-Marx-Stadt Gebürtige in zehn kurzen Tracks mit breiter Brust von seiner eigenen Geschichte.

          Das Titeltstück „Grauer Beton" über seine Jugend im Wohngebiet Fritz Heckert, dem zweitgrößten Neubaugebiet der DDR, ist in seiner sprachlichen Einfachheit eine eindrückliche Hassliebeserklärung an die verlorene Heimat. Die Wohnung seiner Mutter in einem der oberen Stockwerke des längst zurückgebauten Wohnriegels war dem Teenager eine Insel in der Eintönigkeit. Dort konnte er dank der Höhe Westradio empfangen und kam so früh in Kontakt mit Musikern wie Stevie Wonder, Billie Holiday oder Aretha Franklin und mit allem, was die Amiga-Plattensammlung seiner Mutter hergab. Raffiniert, dass ausgerechnet historische Fotos des halbstarken Trettmanns und seiner Gang in schrillen Trainingsanzügen und Jeansjacken im Video zu „Grauer Beton“ etwas Farbe in die Betonwüste bringen.

          Bald verbrachte Trettmann seine Jugend Breakdance tanzend unter dem gewaltigen Sockel des Karl-Marx-Monuments. Oft genug ist er in den Straßen seiner Heimatstadt selbst Opfer rechter Gewalt geworden. Umso beachtlicher ist, dass die Single über Chemnitz keine Heimatballade mit Rock-gegen-Rechts-Floskeln geworden ist: „Seelenfänger schleichen um den Block und / machen Geschäft mit der Hoffnung / Fast hinter jeder Tür lauert 'n Abgrund / Nur damit du weißt, wo ich herkomm'“. Sein Blick zurück dient auch dazu, den Peripherien der neuen Bundesländer heute nachzuspüren. Dass Trettmann Chemnitz längst hinter sich gelassen hat und zum Arbeiten selbst von der sächsischen Kreativ-Insel Leipzig „nach Berlin flieht“, liegt nicht nur daran, dass er selbst dort musikalisch „im eigenen Saft kocht“. Noch nie hat Trettmann so viele Demos besucht wie in den letzten Jahren - und das obwohl er auch zur Wendezeit gegen das Verbot seiner Mutter auf die Straßen ging: „Natürlich trüben die aktuellen Entwicklungen den Vibe.“

          Nachwendegeschichte im deutschsprachigen Rap

          In der deutschsprachigen Belletristik kann man sich mittlerweile kaum retten vor Vor- und Nachwendegeschichten (etwa „89/90“ von Peter Richter, „Kruso“ von Lutz Seiler oder „Als wir träumten“ von Clemens Meyer), die von in der DDR aufgewachsenen Männern mal nostalgisch, mal verklärend aus ihrer Erinnerung ins Fiktionale übertragen wurden. Dass Erzählungen wie diese auch im deutschsprachigen Rap funktionieren, war vor zehn Jahren ebenso wenig denkbar wie der Literaturnobelpreisträger beim Poetry Slam - selbst in dessen damaliger Blütezeit. Mittlerweile gelten Gangsterrapper wie Haftbefehl ausgerechnet wegen ihres babylonischen Kuddelmuddels und der mehrsprachigen Wortneuschöpfungen auch in den Feuilletons als große Lyriker. Nicht nur deshalb ist deutschsprachiger Rap nach seiner Kindheit in den Neunzigern (niedlich!) und der Jugendphase (aggro!) mittlerweile als erwachsen geworden.

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