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Album der Woche: „Tru“ von Cro : Alles Schlampen außer Mutti

Revolutionär: Manchmal postet Cro zwei Tage lang nichts auf Instagram. Bild: dpa

Mit Gangsta-Klischees gegen das Niedlichkeitsimage: Der Rapper Cro lernt jetzt Englisch, zitiert mexikanische Revolutionäre und findet das frisch.

          Alle sollen sich immer irgendwie entwickeln, nur Rapper nicht. Denn entweder sie sind aus der Bronx, dann müssen sie auch ewig so reden und sich so verhalten, sonst verleugnen sie ihre Herkunft. Oder sie stammen aus einem bürgerlichen Elternhaus in einem Kaff bei Schwäbisch Gmünd, dann dürfen sie nicht zu sehr auf Gangsta machen. Nimmt ihnen halt sonst keiner ab. Ist nicht real genug, und was nicht real ist, ist verachtenswert.

          Man würde dem Genre wünschen, andere Dinge zu verachten als mangelnde Authentizität. Zum Beispiel miese Texte. Davon gibt es reichlich, eine wahre Fundgrube ist „Tru“ (Chimperator), das neue Album von Cro (Sie wissen schon, der junge Mann mit der Pandamaske). Es geht dort im Wesentlichen um die mehr und die minder angenehmen Facetten des Erfolgs, Partys, Einsamkeit, Trennungen, Tinder und, ganz wichtig: ums Fakesein oder nicht. Cro selbst ist natürlich überhaupt nicht fake, denn bei ihm sitzen „immer noch dieselben Homies auf’m Rücksitz“. Die Freunde von früher zu behalten, das steht im kleinen Handbuch der Stars offenbar als wichtigster Rat, so, wie es immer alle betonen.

          Doch noch vor den Kumpeln kommt die Familie: „Und ich danke meinem Bro, doch vor allem meiner Mum“, heißt es in „Kapitel 1“. Danke, Mama, du bist die Beste, außer dir sind alle Schlampen. Obwohl seine inflationäre Verwendung von „Bitches“ als Sammelbegriff für Frauen natürlich nicht abwertend gemeint ist, klar. Wer hat das eigentlich so beschlossen? Auf jeden Fall nicht die Bitches. Und wenn eine doch mal höflich angehimmelt wird und dann auf seine Avancen eingeht, will er nicht mehr: „Denn aus Maria wurde plötzlich eine Slut.“ Woanders heißt es: „Your eyes, they sparkle blue/But I’m only looking at them goddamn boobs.“ Goddamn, ja, die sind nämlich wirklich erstklassige Idiotenmagnete.

          Damit geht das Augenrollen wegen der Inhalte nahtlos in das Augenrollen wegen des Sprachgefühls über. „Uh, yeah, uh, und ich/Denk jeden Tag, mein Life is so damn good“ – sonderbar, dass einem beim Aufschreiben solcher Zeilen nicht das Gehirn schmilzt. Und wenn man gerade denkt, warum er denn nicht einfach ganz auf Englisch rappe, kommt eine englische Textpassage, die es klarmacht: „I’m not scared to die / Cause I will live forever / I will be alive / In this moment / For eternity, for eternity.“ Solche Texte hatten Glamrock-Bands in den Siebzigern und Céline Dion in den Neunzigern. Wenn das authentisch ist, wäre ein bisschen Verstellung angebracht.

          Im Video zu „Unendlichkeit“ stürzt Cro sich aus seinem eigenen Instagram-Foto und singt quietschig mit maximalem Hall, niemand brauche einen „Benz in Weiß“. Ach so? Überhaupt scheint Social Media ihn sehr zu belasten: „Poste viel zu wenig, mir zu dämlich, dieses Spiel / Denn ich sterbe lieber stehend, statt zu leben auf den Knien.“ Besser aufrecht sterben als auf Knien leben – der Satz stammt vom mexikanischen Revolutionär Emiliano Zapata, und man muss annehmen, dass er mit „aufrecht sterben“ nicht gemeint hat, dass man mal zwei Tage lang nichts auf Instagram hochlädt.

          Musikvideo : Cro - Unendlichkeit

          Die Musik zu diesen wirren Textbausteinen ist übrigens ziemlich erträglich. Über weite Strecken klingt sie, als hätte man Beats unter plätschernde Spa-Musik gelegt, aber dazwischen erklingen schöne Bassläufe, hier ein Oldschool-Gospelsound, dort ein tanzbares Stück mit Wyclef Jean, da eine, sagen wir mal, Hommage an „Mit dir“ von Freundeskreis. Und dann fährt Cro gegen einen Baum und sieht in schönster Rollenprosa sein Leben an sich vorüberziehen: „Ich kann geh’n, ich hab alles geseh’n / Denn ich hab all die Motherfucker, die mich immer wieder stoppen wollten, einfach zersägt.“ Das mag von unglaublicher Realness und Freshness sein, und Selbstgerechtigkeit ist im Rap ein wesentlicher Topos. Wie man sie siebzehn Lieder lang ertragen soll, und das auch noch in den plattesten Formulierungen, ist allerdings eine andere Frage.

          Musikvideo : Cro - Baum

          Quelle: F.A.Z.

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