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Album der Woche : Kelly Clarkson live aus den Fünfzigern

  • -Aktualisiert am

Kelly Clarkson pflegt die Rollenbilder unserer Ahnen. Bild: Atlantic Records

Auf ihrem neuen Album singt Kelly Clarkson von dem, was eine Frau glücklich macht: Männer und Lipgloss. Waren wir nicht schon mal weiter?

          Man wundert sich beinahe, dass es in der Sexismus-Debatte um die Musikindustrie noch so leise ist. Ist dort die Welt für Frauen also in Ordnung? Mitnichten. Denn trotz großer weiblicher Popgrößen: In den Charts dominieren mit großem Abstand ihre männlichen Kollegen. Und auch hinter den Kulissen sieht es düster aus.

          Diese Erfahrung hat auch Kelly Clarkson gemacht. Ihre Manager zwangen die Popsängerin nach eigener Aussage zum Abnehmen. Obwohl sie dem Schönheitswahn inzwischen mit einer fülligeren Figur trotzt, ist aber auch die wohl erfolgreichste Castingshow-Teilnehmerin der Welt kein starkes Vorbild für Frauen. Wie aus den fünfziger Jahren ins Heute katapultiert klingen die Songtexte auf ihrem neuen Album „Meaning of Life“. Im gleichnamigen Song singt die gebürtige Texanerin „When you kiss me I know who I am“, und wenn es ihr schlecht gehe und sie nachts nicht schlafen könne, denke sie an den Mann, den sie liebt und “suddenly the wrongs, they start to feel so right“. Wie schön. Mit dem richtigen Mann kann also auch eine Frau zu sich selbst finden und das Übel der Welt ertragen.

          Während ihre gerade einmal zwanzigjährige Kollegin Hailee Steinfeld in ihrer Hymne über weibliche Selbstbefriedigung „Love Myself“ verIauten lässt, sich auch alleine gut zu fühlen und niemand anderen zu brauchen, verkörpert Kelly Clarkson auf ihrem achten Album ein eher konservatives Frauenbild. Das scheint anzukommen: Sie gilt mit ihren mehr als 25 Millionen verkauften Alben und 36 Millionen Singles als eine der bestverdienenden Sängerinnen. Im Vergleich zu den Texten von „Meaning of Life“ klingen selbst die Zeilen von Kelly Clarksons Trennungs-Hit „Since U Been Gone“ aus dem Jahr 2004 geradezu wie eine emanzipatorische Erbauung.

          Seitdem ist im Leben der Fünfunddreißigjährigen allerdings auch einiges passiert. Vor vier Jahren heiratete sie Brandon Blackstock und hat mit ihm inzwischen zwei Kinder. In einem Interview mit dem „People“-Magazin lässt Kelly Clarkson verlauten, dass sie viel stärker geworden sei, seitdem sie eine Familie gegründet habe. Sie räumt aber ein, dass nicht jede Frau ihren Weg gehen müsse, um sich  “sexy and far more intelligent and wiser“ zu fühlen.

          Aber eigentlich ist auch egal, was sie denkt, denn die meisten ihrer Lieder werden, wie üblich in der Musikindustrie, ohnehin von Männern geschrieben. Die Textzeile aus „Whole Lotta Woman“ „I ain’t no girl, I’m a boss with orders“ kann man ihr da kaum abkaufen. Die Dinge, die sie zur „Whole Lotta Woman“ machen, dafür leider schon: „The way I walk and toss my hips“ und „the gloss on my lips“.

          Auch musikalisch kann Kelly Clarkson auf „Meaning of Life“ leider kaum überzeugen. Die Sängerin experimentiert mit Gospelklängen, Soul und R’n’B. Aber der Sound klingt hinter ihrer unbestritten schönen, souligen Stimme durchgehend fad, die Melodien verfangen kaum. Und so kraftvoll ihr Gesang sein mag – er kann nicht über die unaufregende Musik hinwegtäuschen. Selbst die erste Single-Auskopplung „Love So Soft“ plätschert ohne eingängige Momente vor sich hin. Im Vergleich zu früheren Nummern wie „Piece by Piece“ oder „Mr Know It All“ klingt hier leider kaum ein Song hitverdächtig. Einzig „Heat“, bei dem Kelly Clarksons Gesang und Worte wohl an Whitney Houston erinnern wollen, und „Would You Call That Love“ haben immerhin einen Wiedererkennungswert.

          Bei „Meaning Of Life“ wurde Kelly Clarkson auch von Aretha Franklin inspiriert. Vor allem bei „I Don’t Think About You“ und „Move You“ ahnt der Hörer, dass sie hier der Soul-Größe nachspüren möchte. Doch ist Kelly Clarksons neue Platte trotz ihrer Ausflüge in die afroamerikanische Musik noch viel zu sehr in konventioneller Popmusik verhaftet, als dass dieses Vorhaben gelingen könnte. Während Aretha Franklins Musik handgemacht und nach politischen Umbrüchen klingt, hört man „Meaning Of Life“ lediglich an, dass es sich unbedingt verkaufen möchte. Aretha Franklin hat, wie auch Kelly Clarkson, Millionen von Tonträgern verkauft. Anders als die texanische Popsängerin verlieh die „Queen of Soul“ damit aber dem afroamerikanischen Befreiungskampf eine Stimme – und der Frauenbewegung. Bis dahin ist es für Kelly Clarkson noch ein sehr weiter Weg.

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